Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1917)
- Article
- [Ohne Titel] / J. Sch.
- Date
- 1917-12-01
- Page
- 495 (sequence 4)
- Language
- German
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’UmfcfKtttf 495 formen ist itrt ihren Wirkungen leider bekannt; bisher wurde durch sie jeder, auch der kleinste Fortschritt verhindert. Die letzte Wahlrechtsvorlage wurde 1910 um und umgekrempelt und lag schließlich als Trümmerhaufen am Boden. Auch damals ward das königliche Versprechen von den Monarchisten mißachtet und ebenso die staatSmännische Klugheit, sich der Entwicklung rechtzeitig anzupassen, will man nicht gezwungen werbeit, größere Opfer zu bringen. Nun ist die Vergeltung da; das geheime und unmittelbare Wahlrecht, dessen gleichzeitige Einführung Preußen bis in seine Grundfesten erschüttern sollte, wird nun ohne weiteres in den Kauf genommen. Die Phalanx richtet ihre Sperre nur 'gegen das gleiche Wahlrecht, vielleicht aber auch in der Hoffnung, im Laufe des Kampfes, wie 1910, das ganze Ungeheuer, in beffen Rachen die Privilegien der bevorzugten Klassen verschwinden sollen, in den Hades befördern zu können. An dem Ausgang des Kampfes sind wir Juden nicht nur als Staatsbürger beteiligt. Uns muß jeder Fortschritt in unfern: Vaterlande willkommen sein, der eine Stufe höher zur faktischen Gleichberechtigung alter Staatsbürger führt. Je 'freiheitlicher; ein auf Gleichberechtigung aufgebautes Wahlrecht durchgeführt ist, desto größere Aussicht ist vorhanden, daß das Programmwort: „Freie Mahn jjedem Tuch'tji'gen" auch' für die Juden in die Wirklichkeit umgesetzt wird. Für uns ist obendrein noch der Umstand gewichtig, daß die bisherigen Machthaber in Preußen, die Konservatimen und ihre Anhänger im Grunde Judengegner sind, daß sie stets mit Freuden antisemitische Hetzbewegungen für ihre Zwecke aussemtfU haben. Wir wollen ihr Tivoli-Programm nicht vergessen, auch nicht die Tatsache, daß damals in Dresden ein Hoch auf keinen geringeren als den Juden-Flinten-Ahlwardt mit der „zerrissenen Hose" ausgebracht wurde. Der antisemitische Passus ist bis heute nicht aus dem Tivoli-Programm gestrichen wordeu, und die konservative Partei, die früher Wert auf eine vornehme K'ampfesweise und die Betonung der Ethik iw der Politik gelegt hatte, ist immer mehr in den materialistischen Dunstkreis des antisemitischen Bundes der Landwirte geraten unb lehnt sich immer mehr an die antisemitischen Alldeutschen und die Schwerindusrriellen als Rückendeckung an. Zur Reform des Herrenhauses wollen wir nur erwähnen, daß im Gegensatz zu den beiden christlichen Konfessionen der jüdischen Religionsgemeinschaft keine gesetzlichen Vertreter zugestanden werden. Unter den 150 aus allerhöchstem Vertrauen zu berufenden Personen sollen nach der Aeußerung des Ministers Dr.Drews in Betracht kommen u. a. Vertreter der Künstler, der Presse, der jüdischen Religionsgenreinschaft und der Arbeiterschaft. Mir nehmen an, daß die Vorlage nach der .Richtung hin geändert