Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 11 (November 1917)
- Article
- Theodor Mommsen
- Date
- 1917-11-01
- Page
- 455 (sequence 3)
- Language
- German
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Theodor MommstN. 453 Nun soll es ganz und gar nicht Ln Abrede gestellt werden^ daß die Sondereigenschaften der unter uns lebenden Personen jüdischer Abstammung weit schärfer empfunden werden als diejenigen anderer Stämme und selbst anderer Nationen. Sie jiitb von Haus aus bestimmter ausgeprägt und durch die Leiden Teilen gleich verderbliche tausendjährige Unterdrückung der deutschen Semiten durch die deutschen Christen in künstlicher und zum Teil grauenvoller Weise gesteigert. Unsere politische wie unsere literarische Entwicklung trägt die Spuren davon und kein Historiker kann sie überschweigen. Die Geschichte des Hauses Rothschild ist für die Weltgeschichte von größerer Bedeutung als die innere Geschichte des Staates Sachsen; und ist es gleichgültig, daß dies die Geschichte eines deutschen Juden ist? Unser Jahrhundert hat vielleicht lein größeres DichLertalent gesehen als Heine; und wer kann dieses Spielen des Verstandes mit dem eigenen Herzblut, dieses im Wollüstigen und 'Phantastischen gewaltige, der CharakterLragik Shakespares schlechthin baare GestaltungstaleuL anders begreifen, als wem: man sich seines Ursprungs erinnert? Gewiß, die Unterschiede sind da. Aber diesen Schranken und Mängeln 'stehen wieder Fähigkeiten und Vorzüge gegenüber, deren Besitz nicht zum letzten Teil diese Agitation mit veranlaßt hat. Daßder reinste und idealste ^rller Philosophen als Jude gelebt und gelitten hat, ist auch kein Zufall; und an der iuimd&cn Wohltätigkeit, auch gegen Christen, könnten diese sich ein Beispiel nehmen. ES ist eben wie überall,. Licht und Schatten sind gemischt; ob mehr oder mürber ungleich, wird nienrand zn entscheiden wagen, der nicht Hofprediger ist. Ohne Zweifel sind die Inden, wie einst ün römischen Staat ein Element der nationalen Dekomposition, so in Deutschland ein Element der Delom- Position der Stämme, und darauf beruht es auch, daß in der deutschen Hauptstadt, wo Liefe Stänvne faktisch sich stärker mischen als irgendwo sonst, die Juden eine Stellung einnehmen, die man anderswo ihnen beneidet. Dekompositionsprozesse sind oftmals notwendig aber nie erfreulich und haben unvermeidlich eine Reihe von UeKelstäuden im Gefolge; der unsrige weniger als der römische, weil die deutsche Nation keineswegs ein so blasser« Schemen ist wie die cäsarische Reichsangchörigkeit; aber so sehr bin ich meiner Heimat nicht entfremdet, daß nicht auch ich oft schmerzlich empfände, was §'ch gehabt habe und was meinen Kindern fehlen wird. Aber Kinderglück und Männerstolz sind nun einmal unvereinbar. Ein gewisses Abschleifen der Stämme an einander, die Herstellung einer deutscher: Nationalität, welche keiner bestimmten Landsmannschaft entspricht, ist durch die Verhältnisse unbedingt geboten Md die großen Städte, Berlin voran, deren natürliche Träger. Daß die Juden an dieser Nich-< tung seit Generationen wirksam emgreifen, halte ich keineswegs für ein Unglück, und bin überhaupt der Ansicht, daß die Vorx