Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1917)
- Article
- Chamberlain-Dämmerung
- Date
- 1917-10-01
- Page
- 387 (sequence 3)
- Language
- German
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Ehämb erlain-Dämm erung.- '37 sache. Vom Ideal sprechend, denken wir nicht an die Zulu^ kaffern. Aber nicht, daß alles Edel-nenschliche nntergehe, ist unsere Meinung: sondern daß der Erdball als Ganzes seine göttliche und natürliche Reife finden und seine Bestimmung vollenden werde. . Weit kräftiger vollzieht .sich rings die Abwendung von Chamberlain. Im ,,Türmer", einer Zeitschrift, die ebenfalls stark der Alldeutschen Richtung zuneigt, wenn sie au^ ihren wenigen geistig vornehmen Vertretern beizuzählen ist, führt Wolfgang Schumann in Bezug auf Chamberlain u. a. aus: „Das Prüfen ist doppelt schwer bei ihm, da er von Stückzu Stück seinen Standpunkt wechselt, tatsächlich seine Maßstäbe ständig ändert, nie zusammenfaßt, nie ordnet, nie sagt: hier stehe ich, nach diesem Gesichtspunkt urteile ich, so sind die Sachen und folglich ergibt sich das und das. In Wahrheit gibt es unausgesetzt kleine Proben, geschichtliche Anekdoten, interessante Erfahrungen und Hinweise*), geschichtliche Bruchstückchen, er beurteilt die Dinge so. wie der Arzt im Morgenland die kranken Frauen, die ihm einen Finger zeigen, um zu erfahren, ob sie Unterleibstyphus haben. Diese Methode ist von Chamberlain aufs geistvollste ausgebildet; ich gestehe gern, daß er m. E. zu den feinsten Schriftstellern dieser Art gehört, und daß man als Schriftsteller viel von ihm lernen kann, Aur dies nicht: wie man zur Sache selbst vordringt, wie man eine ernsthafte Aeberzeugung, nicht nur eine HalbgebildeLen-Meinung, sich bildet oder gar eine Kultur als Ganzes zu sehen vermag. Darin nun liegt das Bestechende, aber auch Verbildende von Lhamberlains Schriftstellerei, daß er mit den größten Problemen, die auch nur recht zu stellen eine Lebensaufgabe wäre, „spielend" leicht umgeht, daß er stets fesselnde Einzelheiten anführt und begeisterte Worte, begeisternde Vorstellungen bringt und dem Leser das Gefühl suggeriert, so und nicht anders läge alles. In Wahrheit gibt er Impressionen, individuell gesehene Ausschnitte, unsichere Behauptungen, unsichere Schlüsse. And am „gefährlichsten" ist, daß er zwischen Tatsachen und Behauptungen nicht unterscheidet. Die Deutschen sind gewiß ein friedliebendes Volk, darüber ist kein Streit, wir wissen es, so gewiß, wie wir von unserem Dasein überzeugt sind. Chamberlain sagt: Mein Zeugnis lautet': „in Deutschland hat in den letzten 43 Jahren nicht ein einziger Mann gelebt, der Krieg gewollt hatte, nicht einer".- Kr unterstreicht diesen Satz und fügt hinzu: „Wer das Gegenteil behauptet, lügt — sei es wissentlich, sei es unwissentlich," Soll ich nun wirklich darauf „erwidern", was sich jeder Denkende selbst sagt: daß solche Behauptungen ungefähr denselben Wert haben wie die, daß nie ein Deutscher betrogen oder gemordet habe oder daß alles Gedruckte wahr sei? Für mich sind solche Ausführungen, deren sinnlose Aebertriebenheit jeder Ruhige zugeben wird und deren Form für den etwaigen Andersdenkenden von vornherein eine maßlose Beleidigung enthalten, Zeichen von „Kriegspsychose" £ , 2 , * *) Etwa, daß der britische König „vor wenigen Fahren^ den Aamen Goethe noch niemals gehört hatte" oder daß es in einer ^otadt von 40 000 Einwohnern: einmal nicht gelang, „einen einzigen Mann aufzutreiben, fähig, einen Kranken gegen Honorar Englischst korrekt vorzulesen"-