Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 9 (September 1917)
- Article
- Zur "polnischen Juden-Frage"
- Date
- 1917-09-01
- Page
- 371 (sequence 8)
- Language
- German
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Zur Polin scheu Iudenfrage.^ 371 Es ist also nicht so ganz leicht, die „berechtigten Wünschender Volksgruppe — das sind die Nationalisten . und der Zionisten zu erfüllen. Der Mangel an Objektivität des Briefschreibers und seiner Informationen zeigt sich übrigens in den Auslassungen über das orthodoxe „Jüdische Mort". In Warschau erscheint eine nationalistische und eine zionistische Tageszeitung in jüdische deutscher Sprache. War es ein Unrecht, daß, nun auch der großen orthodoxen Masse eine Tageszeitung gestattet wurde? Tatsächlich aber rast man auf jüdisch-nationalistischer Seite gegen die Orthodoxie, seit sie sich organisiert hat und seit sie eine Tageszeitung besitzt. Der Grund ist offensichtlich der, daß man die politische Konkurrenz der Orthodoxie fürchtet. Abgesehen von den jüdisch-nationalistischen und zionistischen Führern wird niemand der deutschen Verwaltung einen Vor- Wurf daraus machen, daß sie auch die Orthodoxie leben läßt. Daß, die Orthodoxie sich bestrebt, zu den Polen ein gutes Verhältnis herzustellen, ist durchaus verständlich. Würde die deutsche Verwaltung ihr deswegen Hindernisse in den Weg legen, so würde sie damit den deutschen Interessen unseres Erachtens nicht dienen; sie würde aber in unheilvoller Weise den Eindruck erwecken, daß sie im Lande Zwietracht schaffen und bestehen lassen will. , Im übrigen hat man in Polen allerdings die Neberzeugung, daß die deutsche Verwaltung den Empfindungen der Orthodoxie Verständnis und, wie es ihre Pflicht ist, ihren religiösen Anschauungen Achtung entgegenbringt. Es wäre eine wahrhaft glückliche Entwicklung, wenn das polnische Judentum nicht plötzlich liberalisiert und seiner Tradition beraubt würde, sondern wenn die Orthodoxie sich aus sich selbst heraus modernisieren würde, ohne die alte Glaubenstreue zu verlieren. Schließlich übt der Verfasser der „Warschauer Briefe" Kritik an der Verordnung über die Organisation der jüdischen Religionsgesellschaft im Generalgouvernement Warschau. Zwar gibt er zu, daß, die Verordnung einen Fortschritt gegen die bisherigen Verhältnisse bedeute. Aber er kann sich auch hier nicht von den Gedankengängen seiner nationalistisch-zionistischen Freunde loslösen und beklagt, daß man das polnische Judentum, anstatt als nationale Gemeinschaft, als eine Religionsgesellschaft organisiert, und daß man den jüdischen Schulen keine Daseinssicherheit gegeben habe. Der Verfasser bewegt sich mit diesen Klagen in derselben Rechtsunkenntnis, wie die Juristen unter den Zionisten und Nationalisten, die vor lauter Politik die Grundsätze des Verfassungsrechts und Derwaltungsrechts vergessen. Solange Polen kein Nationalitätenstaat ist, ist keine andere Organisation der Juden möglich, als die einzige, die man in Nationalstaaten