Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 9 (September 1917)
- Article
- Unsere Soldaten und die Judenfrage
- Date
- 1917-09-01
- Page
- 355 (sequence 5)
- Language
- German
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Unsere Soldaten und die Iudenftag<u 353 düngen äußert sich , bei den Elsässern nach dem, was ich erlebt, gm geringsten. Trotzdem: wenn ein Transport von vielen Hundert Rekruten aus dem Elsaß kommt, erzählt mir ganz sicher morgen ein Kamerad, daß „d'r Levy üs Mülhüse" auch dabei sei, als ob ich alle Levys jaus dem ganzen Ober- und Anterelsaß kennen müßte. Und gerade während ich bei dieser Arbeit bin, berichtet mir einer im Stall ohne jeden Zusammenhang: Bei dem Regiment soiundso ist auch „einer" „üs Winzene" (aus Winzenheim). Er meint, das muß mich interessieren. Im übrigen ist gerade bei den Elsässern von Antisemitismus keine Rede. Das entspricht der geschichtlichen Entwicklung des Landes, in dem traditionell dem offiziellen Judentum sein Platz gehört und in dem bisher antisemitische Strömungen keinen Boden! fanden. Es herrscht bei den Elsässern innige, von Hause mitgebrachte Freundschaft zwischen Juden und Christen. Zumal die Städter sind völlig mit ihren jüdischen Kameraden, mit denen sie oft groß' geworden sind, verwachsen. Es läßt sich da keinerlei Unterschied in Dienstauffassung, äußerlicher Kultur, Fragen der Weltanschauung und in — Oppositionslust feststellen. Die Intelligenz und schnelle Auffassungsgabe vieler jüdischer Soldaten wird gerade von dem stark bildungsbedürftig und ^rational interessierten Elsässer besonders gewertet. Die günstige Disposition des Elsässers allem ihm wohlvertrauten Jüdischen gegenüber — sogar der Bolksdialekt weist verballhornte Hebraismen in größerem Umfange auf — wird Durch die starke Berufsgliederung der Juden im Elsaß gefördert. Schon zu französischen Zeiten ist dort die Unterbringung von Juden auch! in ihnen nicht angestammten Zweigen des Wirtschaftslebens planmäßig betrieben worden. So finden sich vor allem in allen Zweigen des Handwerks vielfach Juden. Dadurch wird die Wirtschaftliche Basis für antisemitische Strömungen stark eingeengt. . Nicht ganz das gleiche gilt für die vom Lande stammenden Elsässer. Dort bilden die Juden kraft ihrer stärker betonten Religionsausübung, infolge größerer sozialer und beruflicher Geschlossenheit sowie ihres von den Dorfgenossen meist verschiedenen Kulturstandes eine sich mehr als in den Städten abhebende Gemeinschaft. Die bekannten Erscheinungsformen des ländlichen Waren-, Güter- und Biehumsatzes mit ihrem recht häufigen wirtschaftlichen Gegensatz zwischen jüdischem Händler und christlichem Bauern machen auch den sonst politisch ganz tolerant denkenden elsäffischen Dorf- und Landbewohner zur Aufnahme von Bestandteilen der antisemitischen Doktrin geneigter. Aber nach! meinen Erfahrungen ist die durch viele Generationen erfolgte Aneinandergewöhnung, die schon fünf Vierteljahrhundert alte Empfindung politischer Und bürgerlicher Gleichberechtigung stärker, als das