Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 9 (September 1917)
- Article
- Glaube und Heimat
- Date
- 1917-09-01
- Page
- 342 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2316602-2316864-2316872-2352696--27595-2352752- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Im Deutschen Reich- 3^ Ich will mir nicht aus meine alten Tage ein nationales Bewußt« sein einreden, das ich über 50 Jahre nicht gehabt habe. Weine! Eltern und Großeltern sind ihr ganzes Koben, und ich Len größten Teil meines Lebens gar nicht auf den Gedanken gekommen, daß wir Fremde in Deutschland fein könnten, unb auä)‘ als der Zionismus schon erwacht war, ist es mir Fahr und Tag unfaßbar gewesen, wie es deutsche Juden geben könnte, die MdrsH-n a t i o n a l empfinden. Dabei habe ich von meiner Kindheit an den Antisemitismus gekannt und unter ihm gelitten. Schon als Schüler der jüdischen Elementarschule — ich gabt sie bis zu'meinem Zwölften Lebensjahr besucht —, haben wir mit den christlichen Jungen Kriege geführt und Schlachten geschlagen: das .Schimpfwort „Iudenjunge^ und der gelegentlich darauf folgende Steinwurf sind mir in den Kindheitstagen voll vertraut ge« wesen, und noch auf dem FriedrichZgymnasium, das ich inj Breslau besucht habe, 'hat es ein ausgesprochenes christliches und jüdisches Heerlager und ein gerütteltes Maß Von Judenhaß gegeben. Aber das waren Balgereien und Raufereien nicht mit nationalem, sondern mit religiösem „Einschlag". Wir haßten uns von Religions-, nicht von Rationswegen. In der Aniverfitüss« und in der Referendarzeit, die für michin die Mitte der siebziger Jahre fiel, schien der Haß geschwunden zu sein, bis die Stöckerbewegung, Der Verlauf meines OffizierseramenZ (187$), der Mißerfolg meinet tzabili« tations- und Anstellungsbemühungen, mir mein Judentum zmn vollen Bewußtsein brachten. Ich bin frühzeitig in die Abwehrbewegung eingetreten, iös Hobe Len Lentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen G ~ v;; z mitbegröndet, und obwohl ich, daskannich wohlsagen, a . d'B 'mEelotzötwußtseinundjüdischer Stammestreue mich von m Iioni.ren übertrefsen lasse, fühle ich mich, trotzdem ichfab e RLeeMzenalter in der Bewegung stehe, in meinem Gemüt und in pneiner Kultur so eins mit dem deutschen Volke, daß ich mich auch national zu ihm bekenne. Für mich ist das Judentum eine RnigionZft eine Stammesge-neinschafft keine Ration- Ich Win ri.ch' anders als deutschnational sein und will mir nicht einreom. h ^7 ich jüdisch-national werde?: mußte, um das Judentum? Zu bei men. und die Treue zu uöen, die ich ihm gegenüber schuldig dun. FR mich-' gilt der stolze Römersaß Status permutatiö est capitis deminutio. 2. Es wäre unaufrichtig, zu leugnen, Laß ich als Fnds eine besondere Eigenart habe, daß die jüdische Abstammung, das jüdische Daterharrs mir nicht eine bloß religiöse, sondern auch eine besondere geistige und Wohl auch körperliche .Prägung mitgegeöen haben. Was Achad ijcam neu. ncy sagt, kann auch von mir sagen: Ich denke deutsch und fühle jüdisch. „Ich bin ein. Mensch in der angeborenen jüdische?? Prägung, V'e me Erbschaft von!