Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1917)
- Article
- Die Organisation der jüdischen Jugend in Deutschland
- Date
- 1917-07-01
- Page
- 293 (sequence 5)
- Language
- German
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Me Organisation der jüdischen Fügend in Deutschland, 293 Mit dem unter den obwaltenden Verhältnissen nicht viel begonnen werden kann. Wer ist sich heute darüber klar. was Judentum heißt? Es handelt sich bei den jüdischen Jugendvcreinen nicht etwa, wie bei den evangelischen Jünglingsvereinen, darum, der Religiosität eine beherrschende Stellung einzuräumen. Das gewiß nicht. Aber was dann? Eine scharfe Umgrenzung des Arbeitszieles finden wir auch in der vorliegenden Schrift nicht. Es ist auch bei Lage der Dinge außerordentlich schwer, die Umrijse aufzuzeichnen. Vielleicht könnte man aber so sagen: Das Judentum in irgend einer Gestalt muß der Jugend so in das Bewußtsein gedrängt werden, daß sie gewillt und imstande ist, sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit für es einsetzen. Hiermit haben wir schon gesagt, daß die Jugendvereine zu den verschiedenen Richtungen im Judentum keine Stellung nehmen. Sie sind — und das ist eines ihrer charakteristischen Merkmale — neutral. Ob diese Neutralität angebracht, ob sie überhaupt durchführbar ist, darüber tobt seit der Gründung hitziger Streit. Und gerade in allerjüngster Zeit ist die Erörterung besonders lebhaft gewesen. Macht man doch den Versuch, alle jüdischen Jugendorganisationen zu einer großen Arbeitsgemeinschaft zusammenzuschließen. Cora Berliner deutet an, daß für die Stellungnahme des Verbandes pädagogische Rücksichten maßgebend gewesen sind, und führt dann weiter aus, daß durch die hergebrachten Begriffe da? Problem Judentum noch nicht gelöst sei und daß gerade durch die Arbeit des Verbandes, die alle Richtungen berücksichtige, eine allmähliche Umwertung der Begriffe herbeigeführt werde. Ich habe an anderer Stelle mehrfach des näheren dargelegt/ weshalb mir die Beibehaltung der Neutralität unbedingt erforderlich erscheint. Den pädagogischen Rücksichten stehen die politischen gleichwertig zur Seite. Es ist bei der Zerrissenheit des deutschen Judentums, die tief und unheilvoll in die persönlichsten Beziehungen der einzelnen eingegriffen hat, von außerordentlicher Bedeutung, daß wir eine Jugendorganisation haben, die sich bemüht, den Geist der Jugend von diesen Kämpfen fernzuhalten. Vom -erzieherischen Standpunkt aus ist es nicht hoch genug einzuschätzen, wenn die Jugend sö in die Lage versetzt wird, Gemeinschaft mit Andersdenkenden zu pflegen und ihre Anschauung zu verstehen. Weiter aber kann nur durch eine parteilose Erziehung der Jugend den jetzigen unhaltbaren Zu-- ständen ein Ende gemacht werden. Wenn jeder von Jugend' auf lernt, nur die Anschauung seines ErzieherÄ als die allein'-- seligmachende anzusehen, dann müssen sich natürlich die Bekenner der verschiedenen Richtungen aufs hitzigste befehden. Fängt man aber früh an, 'mit Andersdenkenden zusammenzuarbeiten, so wird man auch später stets geneigt sein, Hand in Hand mit' ihnen zugehen. Ob es uns gelingt, alle Bekenner des Judentums