Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1917)
- Article
- Wilhelm von Humboldts Beziehungen zum Judentum
- Date
- 1917-06-01
- Page
- 256 (sequence 4)
- Language
- German
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256 Fm Deutschen Neich^ Theophilantropen, um Gebete und Sprüche vorlesen zu Hörers die nicht befolgt wurden" wie er an Henriette Herz schrieb. Auch in dem Briefwechsel, den Wilhelm von Humboldt mit seiner Braut und späteren Gattin führte, und der erst im Jahre 11906/07 erschien,*) ist von Henriette Herz sehr Viel die Rede Er verleugnete darin seine Zuneigung zu der schönen und be* rühmten Frau in keiner Weise. Neben Henriette Herz, die er in seinen vertrauten Briefen stets „Jette" nennt, interessierte ihn hauptsächlich die Tochter Moses Mendelssohns, Dorothea, die Imter sich mit dem Publizisten und Staatsmann Friedrich von Schlegel verheiratete. Sie, die in seinen Zuschriften den Namen „Brendel" führt, ge-, fiel ihm durch ihre scharfsinnigen und geistvollen Bemerkungen und ihre Denkerkrast, die ihn vielfach an ihren berühmten Vater erinnerte. Auch mit Rah el Levin, der Gattin von Varnhagen von Ense, verband ihn treue Freundschaft. Gern unterhielt er sich mit ihr über philosophische, besonders religiös-philosophische, Fragen und er billigte es keineswegs, daß sie schließlich dem Glauben ihrer Vater untreu wurde. Da sie jedoch die reine Ethik des Judentums stets voll Ueberzeugung betonte, verminderte isich seine Achtung vor ihrem Charakter in keiner Weise Es fielen ihr jedoch schließlich vor ihrem Tode auf dem Sterbebette die Schuppen der Enttäuschung von den Augen, und tiefbewegt sprach sie es ihrem Gatten gegenüber aus: „Welche Geschichte! eine aus Aegypten und Palästina Geflüchtete bin ich hier und finde Liebe und Pflege von Euch! Dir, lieber August, war ich zugesandt durch die Fügung Gottes, und Du mir! Mit erhabenem Entzücken denke ich an diesen meinen Ursprung und diesen ganzen Zusammenhang meines Geschickes, durch welches die ältesten Erinnerungen des menschlichen Geschlechtes mit der neuesten Lage der Dinge, den weitesten Zeit- und Raumsternen verbunden sind; was so lange Zeit meines Lebens mir das herbste Leid war, eine Jüdin geboren zu sein, um keinen Preis möchte ich das jetzt missen." Humboldt, der dem Grundsätze des alten Fritz huldigte, daß jeder nach seiner Fasson selig werden solle, verdroß es stets, wenn jemand, aus welchem Grunde immer, die Religion seiner Väter „changierte", wie er sich auszudrücken pflegte. Selbst an dem Idol seiner Jugend, an Henriette Herz, tadelte er diese Tatsache, und als zwanzigjähriger Jüngling, da er dem Banne ihrer Schönheit und vielleicht auch ihrer Verführungskünste de-? reits entrückt war und in Karoline von Dachröden das Ideal seines *) Wilhelm und Karoline v. Humboldt in ihrem Briefwechsel. Herausgegeben von Anna v. Shdow. E. S. Mittler xmt> Sohn, Aofbuchhandlung, Berlin.