Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1917)
- Article
- Wilhelm von Humboldts Beziehungen zum Judentum
- Date
- 1917-06-01
- Page
- 255 (sequence 3)
- Language
- German
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Wilhelm' freit Humboldts' Veziehnngen ämrt FnoenLuw. 255 darf wohl annehmen, daß das ästhetische Empfinden HumbioldLI im Umgang mit Henriette Herz und ihrem Kreis wesentlich beeinflußt und verfeinert wurde. In der Lesegesellschaft wurde viel Klassisches und Romantisches gelesen; kleinere und größere Aufsätze, lyrische und epische Dichtungen, Dramatisches usw. wechselten ab, und sowohl Männer als Frauen lesen vor. In diesem Kreise kam es darauf zur Festigung eines Bundes, des später etwas entarteten „Tugendöundes", wobei sehr viel Empfindsamkeit herrschte. Es war dies eine Vereinigung zur gegenseitigen sittlichen und geistigen Bildung, sowie Zur Uebung werktätiger Liebe. Natürlich hatte der Bund seine ordentlichen Statuten und seine eigenen Abzeichen. Das vertraute „Du" verband alle Mitglieder, auch auswärtige zählten zu diesen. Obne Zweifel waren das vielfach Spielereien und kindische Dinge. Heutzutage würde sich wahrscheinlich selbst ein zwölfjähriges? Mädchen zu alt dafür halten, aber es war den Damaligen mit dieser Spielerei bitterer Ernst. Es war eben die Zeit der Romantik mit ihrer Mondscheinlyrik. Im Rat des Tugendbundes, hatte man feierlich beschlossen, Wilhelm ovu Humboldt als Mitglied aufzunehmen. Der Jüngling mochte in der letzten Zeit sich nicht allzu stoisch gehalten haben, und er stürzte daher mit zerknirschtem Gemüt zu seiner Vertrauten, Henriette Herz, und erklärte ihr, daß er sich leider der ihm zugedachten Ehre nicht würdig fühle. Natürlich empfing er in feierlicher Weise Absolution und er wurde eingeführt. Dieser „Tugendbund" führte schließlich auch das Lebensglück des Jünglings herbei, da er durch ihn seine Zukünftige, Karoline von Dacheröden, kennen lernte. In den „Erinnerungen", die Henriette Herz am Abend ihres Lebens niederschrieb, befaßte sie sich sehr viel mit Wilhelm von Humboldt, und aus jeder Zeile tritt klar zutage, daß auch sie für ihn innige Sympathie hegte. Viele bezeichnende Züge aus seinem Leben enthalten diese Erinnerungen an verflossene, glückliche Tage. Aus der Fülle ihrer Bemerkungen sei hier nur die eine mitgeteilt. Bei seiner Anwesenheit in Paris im Jahre 1799 habe er viel mit Frau von Stael verkehrt, aber es sei doch nur ihr Geist gewesen, der ihn zu ihr hingezogen, weil er einen Mangel echter Weiblichkeit bei ihr zu verspüren geglaubt. Die übrigen Menschen in Paris haben ihm sehr wenig genügt. „Ihn erfreute, damals dort nur die Verehrung, welche man in jener Zeit schon, noch vor dem Antritt der Reise, die den Grund zu seiner Weltberühmtheit legte, für seinen Bruder Alexander hatte. Diese Verehrung eines ausgezeichneten Menschen, dessen Inneres er so genau kannte, schien ihm ein besserer Kultus, als der, welchen er damals in den Kirchen von Paris sah, „in diesen Kirchen mit ihren moralischen Inschriften, ihren gipsernen Statuen der Freiheit und den paar