Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1917)
- Article
- Vom Verhetzungs- zum Versöhnungstag
- Date
- 1917-05-01
- Page
- 212 (sequence 7)
- Language
- German
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Im Deutschen 2] 2 Das also war das Ergebnis der „eingehenden Untersuchung"!' Vas Interessanteste an der Sache ist, daß die drei Häuser gar nicht in einem von Juden bewohnten Viertel,, sondern in einem eleganten Geschästsviertel gelegen sind. Es sind drei ganz neue vierstöckige und sehr einträgliche Häuser, die zudem schon vorher für hohe russische Militärämter beschlagnahmt waren. Daß das Wüten der Soldateska auch nicht die Folge eines zufälligen Streites zwischen Soldaten und Juden sein konnte, wie das später von mancher Seite behauptet wurde, geht aus dem weiteren unzweifelhaft hervor. Ein Herr, welcher damals im Magistrate einen wichtigen Posten innehatte, erzählt: Ein Soldat, der von uns befragt wurde, schwor beim Kruzifix, daß er und einige Genossen mit eigenen Augen gesehen haben, wie aus den Fenstern eines Hauses geschossen wurde. Da uns die umständliche Darstellung des Sachverhalts verdächtig erschien, forschten wir weiter, und fragten ihn, was er und sein Genosse gerade in jenem Augenblick vor dem Hause zu tun gehabt haben. Der Soldat zögerte, aber als wir in ihn drangen, gestand er, daß man ihn und seine Genossen dort auf gestellt und ihnen befohlen habe, die Fenster des Hauses fest im Auge zu 'behalten. Kurz darauf sei ein Fenster geöffnet und auf die Straße geschossen worden. Vielfach wurden die Juden vor diesem Sonntag gewarnt. So kamen vormittags Berta Holzer und Chi'el vorüber zu Or. Hausner und teilten ihm mit, sie hätten erfahren, es werde am selben Tage einen Pogrom geben. versöhuuugstag unter Aosakeufchutz. Ich muß hier bemerken, daß tags zuvor in einer besonderen Sitzung aller Vorstände der Bethäuser auf Antrag des Dr. Diamand, den Rabbiner Brande unterstützte, beschlossen wurde, daß am Vorabend des Verföhnungstages und am Versöhnungstag selbst kein gemeinsamer Gottesdienst abgehalten wird. Meine Familie war im Hause versammelt und erwartete mich in größter Besorgnis. Wir begaben uns sehr spät zur Ruhe. Aber die Erregung und die Sorge um die Zukunft ließen mich lange nicht einschlaseu. Da wurden wir plötzlich aus dem Schlafe gerissen. Es war ungefähr halb eins, als heftig gegen unsere Türe geschlagen wurde. Ich kleidete mich notdürftig an und öffnete. Ls waren Kosaken. Sitz, befahlen mir, ihnen zu folgen. Wohin und warum, das wurde mir nicht gesagt, man hieß mich nur mitgehen. Ich zog mich vollends an, nahm Abschied von Frau und Kindern, welche schon das Aergste befürchteten, und folgte in der Nacht vor dem heiligen Versöhnungstage den Schergen des Zaren.