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Im deutschen Reich · 1917-05-01 · Heft 5 (Mai 1917) · p. 211

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
23 (1917)
Issue
Heft 5 (Mai 1917)
Article
Vom Verhetzungs- zum Versöhnungstag
Date
1917-05-01
Page
211 (sequence 6)
Language
German
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Vom Verhetzen g§- zum Dersöhnungsiag. 711 glimpflichste. In zahlreichen Fällen wurden Juden, ehe sie noch ein Wort vorzubringen vermochten, auf offener Straße niedergeschlagen. Herr Karczynski, Direktor der Mühle „Maria Helena", berichtet über einen solchen Fall, den er schaudernd mit ansehen mußte. Er nahm gegen drei Ahr nachmittags an einem Leichenzuge teil, der sich durch die Zolkiewskagasse bewegte und plötzlich in die gefährliche Zone geriet. Die Teilnehmer am Zuge wurden mehrmals einer genauen Leibesdurchsuchung unterzogen, selbst der Priester und die Nonnen. Obzwar die Schüsse schon in nächster Nähe krachten, mußte man vorwärts, da der Rückzug schon ab geschnitten war. Vor einer Kirche, die man passierte, spielte sich die schreckliche Szene ab. Ein Jude, der sich in seiner Not anscheinend in die Kirche hatte flüchten wollen, kniete beim Eingang mit flehend erhobenen Händen vor einem Kosaken, der den Säbel schwang. Im nächsten Augenblicke wälzte sich der Unglückliche sterbend in seinem Blute. Unter den zweiundvierzig Opfern des blutigen Sonntags sind vierzig Juden. Viele jüdische Häuser wurden nach Waffen durchsucht. Je nach der Ergiebigkeit der hiebei verübten Diebstähle und der Höhe der erpreßten Lösegelder, blieben die Bewohner unbehelligt oder sie mußten ins Gefängnis wandern, wo sie vielfach mißhandelt wurden. Die Zahl der eingekerkerten Juden betrug 300. Noch zwei Wochen hindurch wurden Juden auf der Straße angehalten und durchsucht. Statt der WafseN) die man natürlich! nicht fand, wurden ihnen Juwelen und Geld abgenommen, bis ein amtliches Verbot diesem Treiben ein Ende machte. Den Zeitungen verbot man bis auf weiteres über die Vorfälle des blutigen Sonntags zu berichten. Nur inspirierte! Notizen, in welchen man den Juden Angriffe auf das Militär zuschrieb, wurden zngelassen. So schrieb der „Dziennik Polski" vom 28. September in einer kurzen Notiz: „Der Jude, welcher am Sonntag geschossen hat, hat damit sowohl den Juden wie der ganzen Bevölkerung ein schweres Anrecht angetan." Ein Redakteur hat allerdings später behauptet, die Notiz wäre von der Zensur direkt aufgedrungen worden. Eine Woche später, am 4. Oktober, erschien folgende Kundmachung des Lemberger „Gradonaczalstwo" (Stadtgouvernement). „Die eingehende Untersuchung stellte fest, daß am 14. l. M. (27. neuen Stils) aus den Häusern Nr. 9, 11 und 11a der Wallgasse in der Stadt Lemberg geschossen wurde. Daher befahl der Generalkriegsgouverneur von Galizien diese Häuser zu beschlagnahmen, den Inwohnern wurde eine Frist von einem Monat zum Ausziehen gewährt."

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