Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1917)
- Article
- Vom Verhetzungs- zum Versöhnungstag
- Date
- 1917-05-01
- Page
- 213 (sequence 8)
- Language
- German
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SSö'm Verhetzung^- zum VersöhnungZtaA Vor dem Hause stand ein Kraftwagen, den ich besteigen sollte. Als ich mich mit Berufung auf den hohen Feiertag weigerte, drohte man mir mit sofortigem Erschießen. So mußte ich mich fügen. Wir fuhren zum Gouverneur. In gleicher Weise wurde auch der Nabbiner Brande auf das Amt gebracht. Starr, gelähmt vor Entsetzen stand der Greis vor dem russischen Machthaber. Ls wurde uns eröffnet, daß die Negierung das Sperren der jüdischen Gotteshäuser am Versöhnungstage als eine Demonstration betrachtet und nicht duldet. Sie wünscht, daß am Versöhnungstage überall in hergebrachter Weise gebetet werde. Für die Sicherheit an diesem Tage übernehme der Generalgouverneur selbst die Verantwortung, er verbürge völlige Nuhe. Zur Sicherung der Gotteshäuser vor etwaigen Ueberfällen wird Militärassistenz beigestellt. Wir beide aber müssen dafür persönlich Sorge tragen, daß die gesamte jüdische Bevölkerung hiervon verständigt und der Gottesdienst ordnungsgemäß in allen Gotteshäusern abgehalten werde. So wurde denn auch wirklich der Gottesdienst am denkwürdigen 30. September 191 'i in den Gotteshäusern Lembergs auf Befehl u n b unter S chu tz der russischen Negierung abgehalten. Ana Versöhnungstage selbst wurden auf Bitten eines angesehenen russischen Stadtrates aus Petersburg Dr. Diamond und Dr. Nabner aus der Haft entlassen. Ls gelang ferner dem. Abg. Steslowicz und wie sein General Orloff. die Freilassung der am Sonntag verhafteten "300 Juden zu erwirken. So ging die Sache vorläufig aus. Was die günstige Wendung herbeigeführt hat, das gehört zu den intimen Geheimnissen der russischen Behörden, deren Vertreter einander in der Angelegenheit sicher entgegengearbeitet haben. Dr. Ru- Lowski äußerte sich mir gegenüber, er wisse, daß der Generalgouverneur Bobrinski davon überzeugt ist, daß die Juden nicht geschossen haben, die Bande aber, die ihn umgibt, hält daran fest, daß man es mit einer jüdischen Nevolte zu Lun habe. Späterhin habe ich ein sehr' interessantes Dokument in die Hand bekommen. Ls befindet sich jetzt, so viel mir bekanntim jüdischen Kriegsarchiv in Newyork. Ls war ein amtliches Schreiben des Generalgouverneurs Bobrinski an den General Eiche. Ls lautete etwa wie folgt: ,,Am Sonntag besuchte ich unsere Heldengräber auf dem Friedhofe. Ich hörte plötzlich Flintenschüsse. Als ich mich demzufolge in die Stadt begab, wo ich Augenzeuge der abscheulichen Schießerei war, deren Ursache mir bis heute nicht aufgeklärt worden ist. Solche Szenen dürfen sich nicht wiederholen. ..."