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Im deutschen Reich · 1917-05-01 · Heft 5 (Mai 1917) · p. 210

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
23 (1917)
Issue
Heft 5 (Mai 1917)
Article
Vom Verhetzungs- zum Versöhnungstag
Date
1917-05-01
Page
210 (sequence 5)
Language
German
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210 Im Deutschen Reich. erfüllt in kleinen Gruppen vor den halbgeöffneten Haustoren zusammen, um jederzeit in die Hauser flüchten zu können. Die ersten Scharen der Flüchtlinge aus der inneren Stadt erzählten Dinge, welche in der aufgeregt harrenden Menge einen Freudentaumel hervorriefen. Ls hieß, daß eine Ueberrumpe« lung seitens der Oesterreicher oder der Preußen stattgefunden habe. Mit unverhohlener Schadenfreude beobachtete man die ratlos hin und her eilenden Russen. Bald aber kam das traurige Erwachen aus dem schönen Traume. Die nächsten Ankömmlinge berichteten nämlich schon, das Schießen fände im Iudenviertel statt, man schieße in die Fenster der jüdischen Häuser. Mittlerweile sprengten Kosakenabteilungen mit schußbereiten Karabinern in vollem Galopp in der Richtung nach dem Ringplatz vorbei. Ihre finsteren Gesichter zeigten keine Angst, sondern wilde Freude. Sie schossen auch von Zeit zu Zeit in die Luft, um die Leute zu zerstreuen. Run krachte Salve auf Salve und der Herd der Schießerei schien sich immer mehr auszudehnen. Die Straßen lagen bald ganz verödet da und die Haustore waren geschlossen. Das Gewehrknattern wurde heftiger, flaute ab, um sich wieder zu steigern. Der Abend kam und jetzt schien sich das Schießen über die ganze Stadt verbreitet und seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Alle Fenster waren geschlossen und die Bewohner hatten sich in die rückwärts gelegenen Räume der Häuser zurückgezogen. Das ging so bis in die ersten Stunden der Nacht, dann wurde es still. Die Vorgänge auf dem eigentlichen Schauplatz spielten sich folgendermaßen ab. Das ganze von Juden bewohnte Mertel war durch einen starken Militärkordon abgesperrt. Innerhalb desselben standen Infanterieabteilungen und feuerten in die Fenster der gegenüberliegenden Häuser. Dieses Salvenfeuer pflanzte sich von Straße zu Straße fort und dauerte bis ungefähr 7 Uhr abends. Dann lösten sich die Salven in ein Einzelfeuer auf. Die Einwohner der betroffenen Stadtteile; mußten die ganze Zeit, in Winkeln verkrochen, in schrecklichster Angst ausharren. Diese Schüsse gegen die Fenster forderten Opfer, denn die - Geschosse drangen mitunter in die rückwärts 'gelegenen Räume. Mancher wurde getroffen, als er eben das Fenster schließen und sich zurückziehen wollte. Viele wurden auf dem Wege nach Hause ein Opfer ihres Wagemutes. Diejenigen, welche sich erst gegen Abend nach Hause wagten, hatten viel auszustehen. Rur die äußerste Rot und die Angst um die Angehörigen konnte die Leute bewegen, sich dem Kordon zu nähern. Sie wurden dann einer strengen Untersuchung unterzogen und mußten sich legitimieren. Konnten sie es nicht, wurden sie verhaftet. Den Juden erging es natürlich, viel schlimmer. Knutenschläge und Säbelhiebe waren noch das

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