Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1917)
- Article
- Vom Verhetzungs- zum Versöhnungstag
- Date
- 1917-05-01
- Page
- 209 (sequence 4)
- Language
- German
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Vom Verhetzung^- zum Versöhnungstag. 209 Am 23. September 1914 wurden die Vertreter der Stadtbevölkerung vom neuernannten Generalkriegsgouverneur Galiziens Grafen Bobrinski empfangen. Von seiten der jüdischen Bevölkerung erschienen u. a. die Vertreter des Rabbinats L. Brande und Or. Hausner. An diese beiden wandte sich Graf Bobrinski mit folgenden Worten: „Sie haben Einfluß auf die Jugend. Sorgen Sie dafür, daß unter den Juden Ruhe und Ordnung herrsche, sonst werde ich. mit jener Gewalt und Strenge gegen sie Vorgehen, wie mir es meine weitgehenden Vollmachten gestatten." In unzähligen haldoffiziellen enunziationen würde immet der Satz variiert: „Die Juden sind die erbittertsten und 'gefährlichsten Feinde der Russen, sie schaden ihnen, wo immer sie können." Er wurde zum Ausgangspunkt und zur Grundlage besonderer Verfügungen gemacht. Er bot den Vorwand.für die unglaublichsten Gewaltakte in der Provinz, für Raub, Erpressung, gänzlich unbegründete Verhaftungen, Verschleppung von unzähligen Familien, von Frauen, Kindern und Greisen, kurz für die Anwendung des ganzen korrupten und verworfenen russischen Systems. Gewissen Organen der „Ochrana" aber, insbesondere dem beim Stadtgouverneur als Sekretär fungierenden und mit der Etablierung der „Ochrana" in Lemberg betrauten Major Iacewicz, schien dieser Weg über beschränkende und demütigende Verordnungen und Geheimerlässe, über kleinliche Plackereien einzelner Opfer doch zu langwierig zu sein. Major Iacewicz war einige Jahre vor dem Kriege Held eines Lemberger Spionageprozesses. Er wurde verurteilt und spater nach Rußland abgeschoben. Vorher hatte er, wie es scheint erfolgreich., auf dem Lemberger Boden gewirkt und kannte die lokalen Verhältnisse sehr gut. Er wollte sich, nun fürs Leben gern besonders auszeichnen. Als echter Mann der „Ochrana" hat er später Betrügereien verübt, die seine Verhaftung zur Folge hatten. Wie erzählt wurde, soll er schließlich sein eigenes Vaterland verraten haben, da alle durch Erpressung, offenen Raub und Unterschlagung erlangten Mittel für sein ausschweifendes Leben nicht ausreichten. Vorläufig saß er aber in Amt und Würden und wollte etwas echt Russisches veranstalten. Ein kleiner Pogrom sollte die Sache in Fluß bringen. Der blutige Sonntag. Am 27. September 1914 gegen drei Uhr nachmittags hörte man Gewehrschüsse. Dann löste man einen Kanonenschuß. Die Garnison wurde, so schien es, alarmiert. Man sah Offiziere und Mannschaften verstört durch die Straßen eilen. Teils flüchteten sich die Einwohner eiligst in die Häuser^ teils drängten sie sich ängstlich und von brennendet Neugier