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Im deutschen Reich · 1917-05-01 · Heft 5 (Mai 1917) · p. 208

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
23 (1917)
Issue
Heft 5 (Mai 1917)
Article
Vom Verhetzungs- zum Versöhnungstag
Date
1917-05-01
Page
208 (sequence 3)
Language
German
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203 Im Deutschen Ne ich. Blättern zur Veröffentlichung gelangte. So auch in der oben angeführten Bede des Grafen Boörinski, welcher versicherte: „Mein Losungswort ist: vollständige Schonung aller Glaubensbekenntnisse und vollständige Toleranz." Solche Versprechungen mußten an sich als bedeutungslos betrachtet werden. Dazu kam aber noch, daß sie in nichtamtlichen Auslassungen einer Auslegung unterzogen wurden, die sie vollends zur nichtssagenden Phrase stempelten. And gerade in diesen halb- und nichtamtlichen Auslassungen wurde auf die Befreiung vom sozialen und ökonomischen Druck besonderes Gewicht gelegt. Wer war der Bedrücker? In dem angeführten Aufruf an die Völker Oesterreichs heißt es unter anderem, „die osterreichisch-mngarische Negierung hat jahrhundertelang Zwietracht und Feindschaft im Lande gesät, um besser regieren zn können". Es entspricht völlig dem System der russischen Politik, die eigenen Methoden den anderen anzulasten. Auch in Lemberg haben sich! die Bussen es angelegen sein lassen, einen Teil der Bevölkerung gegen den anderen aufzuhetzen, um beide durch ein verbrecherisches Beamtentum leichter knechten zn können. Bei der ländlichen Bevölkerung hatten sie besonders leichtes, Spiel. . And wahrend sich der Phrasenschwall von „der Befreiung desganzen Slawentums von der GermanenherrschafL" ergoß, hetzte man die Lchtrnssischen und die Polen gegeneinander. Da man sich aber in mancher Hinsicht den Polen gegenüber gebunden und behindert fühlte, blieben als dankbarstes Objekt für die Verfolgung die Juden übrig. Ihnen gegenüber brauchte man sich wahrlich keinen Zwang auferlegen. Der Jude wurde daher zum Bedrücker gestempelt. Tag für Tag wurde der Bevölkerung in allen Tonarten gepredigt, daß die übermütige Herrschaft der Juden ein Ende nehmen müsse. Die russischen Soldaten erzählten, wie man ihnen hergebracht hatte, Oesterreich sei ein verjudewr Staat,. wo sich der Christ dem Juden beugen müsse. Dem kleinen Manne wurden die schönsten Aussichten auf baldige Bereicherung auf Kosten der Inden eröffnet. Durch besonders augenfälligen Unterschied in der Behandlung von Ind und Christ brachte man ihm eine Vorahnung von der kommenden, russischen, goldenen Zeit bei. Der kleine Mann ließ sich gerne belehren und glaubte gern. Der christliche Hausbesorger war bald Herr im Hause des Juden. Der Jude mußte sich ducken, sonst brachte er ihn vors Amt und konnte Volk Genugtuung beobachten, wie sein Herr angeschrien, beschimpft, 'gestraft und nicht selten geschlagen wurde. Er selbst wurde mit größter Höflichkeit besiagt, und durfte die unglaublichsten Lügen auftischen.

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