Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1917)
- Article
- Vom Verhetzungs- zum Versöhnungstag
- Date
- 1917-05-01
- Page
- 207 (sequence 2)
- Language
- German
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Vom Berhetzungszum Versöhnungstag., 207 raschungen im russischen Wesen liegen, das hat die Leidens-» geschichte der Juden im russenbesetzten Lemberg gezeigt. Wie eine Art Vorspiel zur verblüffenden Verpuppung Rußlands, zu dem Wunder, durch, das eine häßliche, stachlige Raupe der Despotie in einen farbenschillernden, der Sonne zustrebenden Freiheitsfalter sich wandelt, wie ein kleines Vorspiel zum großen Drama der russischen Befreiung wirkt die Geschichte der kosakischen Schreckensherrschaft in Lemberg. Wie die trockenen Tatsachen dieses Weltkrieges jeden grausigen Roman an Spannungskraft übertreffen, das zeigt auch die mit der strengsten Gewissenhaftigkeit geschriebene Geschichte jener Russenherrschaft in der galizischen Hauptstadt. Sie liegt uns vor in einem Sonderheft des „Jüdischen Archivs", das „Die Juden Lembergs unter der Russenherrschaft" behandelt. (Verlag R. L ö w i t - Wien.) Der absonderlichste Teil aber schildert die Wandlung vonr Pogrom zur Schutzbewachung für den Synagogengottesdienst, vom Viprhetzungstag zum Dersöhnungstag. Wir lassen die zwei Abschnitte mit einiger Kürzung hier folgen: Die Russen in Lemberg Als „Befreier" und Erlöser kamen die Russen ins Land. Nicht nur als staatspolitische Befreier, sondern — wie sie bei jeder Gelegenheit nachdrücklich! betonten — auch als nationalpolitische, soziale und ökonomische Erlöser. Gegen wen sich der staatspolitische Kampf richtete, war klar. Der Kamps galt der „Befreiung altrussischen Gebietes vom Joch der „Fremdherrschaft" und seiner Eingliederung in das Stammland". Auch der nationalpolitische Sinn war damit gegeben: Konsequente Durchführung der Russifizierung. In seiner Anrede an die Vertreter der Stadt und der Bevölkerung am 23. September 1914 sagte der Generalgouverneur Graf Bobrinski: „Vor allem bildete Ostgalizien und das Lemkowskische Gebiet seit uralten Zeiten den eigenen Bestandteil des. einen großen Rußland. In diesen Ländern war die bodenständige Bevölkerung immer russisch, die Organisation soll sich daher in diesen Ländern auf russischen Elementen aufbauen. Ich werde hier die russische Sprache, das russische Recht und die russischen Verwaltungsmethoden einführen. Selbswerständlich wird die Einführung in Abstufungen erfolgen." Den Juden mußte die Aussicht auf russisches Recht und russische Einrichtungen unheildrohend genug erscheinen, wenn auch das Versprechen ihrer stufenmäßigen Einführung und die Versicherung, daß „Sprache und Glaube eines jeden sich frei entfalten werden können" anderseits oft genug. gegeben wurden. So im „Aufruf an die Völker Oesterreichs" vom September 1914, welcher am 23. Oktober in den Lemberger