Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 4 (April 1917)
- Article
- Das Judentum und die Neuorientierung
- Date
- 1917-04-01
- Page
- 160 (sequence 3)
- Language
- German
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160 Im Deutschen Reichs das Andersartige im Auge behielt, daneben wohl auch die Darstellungen jüdischen Wesens seitens antisemitischer „Forscher", die eben gerade wegen ihrer Seichtheit und radikalen Tendenz im urteilslosen Volke Verbreitung fanden, in sich ausgenommen hatte, kam man selbst in ein Verhältnis zum Judentum, das man nicht als objektiv bezeichnen kann. So entstand eine Volksstimmung, die zu einer Ausnahmebehandlung dieser Volksgenossen führen mußte. Alle Verstöße e i n z e l - ner Juden wurden dem „Judentum" zugeschrieben, das als solches in ethischer Beziehung rückständig sei. Da durfte man sich denn nicht wundern, wenn weite Kreise, obschon von dem wüsten Radau- und Geschästsantisemitismus angeekelt, leicht zu Stimmungsantisemiten wurden, die dem Juden nicht mehr vorurteilsfrei gegenüber standen. Hier hat nun der Krieg gezeigt, daß auch der Deutsche jüdischen Glaubens im vornehmsten Empfinden, der Vaterlandstreue, hinter keinem zurücksteht. Ja selbst in einem judengegnerischen Organ standen die bezeichnenden Worte: „Alle kleinen Gruppen, Religionen und Bekenntnisse unseres Volkes haben ihre Pflicht getan und müssen ihre Pflicht tun. Wir haben wahrhaftig Größeres, Edleres zu leisten, als uns in alter Weise gegenseitig zu schmähen oder gegeneinander aufzurechnen." Fürwahr Worte, an die man die Gesinnungsgenossen des Blattes gelegentlich erinnern sollte! Es ist jedenfalls an der Zeit, in dieser Beziehung gründlich umzulernen, und die reaktionär-antisemitischen Herrschaften, die ja auch die grimmigsten Gegner jeder wirklich, wertvollen Umgestaltung sind, nicht wieder im neuen Deutschland aufkommen zu lassen. Wenn man jetzt in allen möglichen Schattierungen — von Westarp bis Bruhn und Lebius — sich bemüht, die Neuorientierung als „Iudenwerk" hinzustellen, wenn man es versucht, auf Grund des immer noch bestehenden Iudenparagraphen des Tivoliprogrammes und anderer „völkischer" Satzungen den alten Rassen- und Konfessionshaß wieder aufleben zu lassen, dann müssen alle die, denen es um ihr Vaterland und sein wirkliches Wohlergehen ernst ist, sich zusammenschließen, um den gemeinsamen Gegner abzuwehren. So viel steht fest: Die Neuorientierung kann nicht unter Ausschluß der Iudenfrage vorgenommen werden. Wird nur ein Bevölkerungsteil in Zukunft noch auf Grund überlebter Ausnahmebestimmungen, auch ungeschriebener, zu Staatsbürgern zweiter Klasse gestempelt, so wird damit die ganze Neuorientierung entwertet. Es würde dann eben von neuem Zwist und Hader im Volksleben aufkommen, und die freundnachbarliche Stellung der Konfessionen' zueinander, die wir doch! alle anstreben, stark in Frage gestellt werden. Der Jude darf nicht wohlwollend „geduldet" werden.