Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 4 (April 1917)
- Article
- Das Judentum und die Neuorientierung
- Date
- 1917-04-01
- Page
- 159 (sequence 2)
- Language
- German
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Das Judentum und die Neuorientierung.- 159 ken, sich als echte, vaterländisch empfindende Deutsche Zu fühlen, auf Nimmerwiedersehen in der Versenkung verschwinden. So begann man die verfemten und als vaterlandslose Gesellen verschrienen Sozialdemokraten vdn dem behördlichen und gesellschaftlichen Bann Zu befreien. Hat man so einem Volksteil, der bewußt einen manchmal äußerst schwierigen Befreiungskampf für seinen Stand führte, in gewisser Beziehung die Gleichberechtigung zuerkannt, so hat man dadurch auch Zugegeben, daß die soziale Emanzipation -an sich völlig gerechtfertigt ist. Es geht nicht mehr an, daß man den sozial benachteiligten und schwächeren Volksgenossen gewaltsam den Weg zu ihrem Aufstieg versperrt. Der Krieg hat gezeigt, daß alle Deutsche, ganz gleich welcher Partei und Konfession sie angehörten, ausnahmslos ihre Pflichten erfüllten, daß es da keine Deutsche erster und zweiter Güte gab, sondern daß sie alle in ihrer Gesamtheit mit Gut und Blut für die stluabhängigkeit und Freiheit ihres Vaterlandes einstanden. Uebersieht man so das ganze Problem der Neuorientierung, so taucht da vor dem aufmerksamen Beobachter ein Sondergebiet auf, das in erhöhtem Maße unsere Aufmerksamkeit erweckt, „die Iudensrage"! Wer soziologisch geschult, den Juden und seine Stellung in der deutschen Vergangenheit betrachtet, der wird von der Wichtigkeit eines Wandels im Verhalte:: des Staates und der nichtjüdischen Kreise dem Judentum gegenüber ohne weiteres überzeugt sein. Hat man doch früher den jüdischen Volksgenossen als einen im Grunde feindlichen Fremdkörper angesehen und demgemäß behandelt, hat man ihn in Preußen resp. Deutschland auch während der sogenannten liberalen Zeit doch noch immer als einen Deutschen zweiter Ordnung betrachtet! Dazu kam noch die völlige Amkenntnis weitester nicht jüdischer Kreise, über das Wesen des Judentums, die dem Antisemitismus Tür und Tor öffnete. Hier war der Grundfehler, der alle Mißverständnisse größtenteils verursachte: Man orientierte sich bei den Judengegnern über die Juden. Eine nicht zu unterschätzende Nolle spielte dabei das allerdings aus psychologischen Momenten zu verstehende exklusive Wesen der Juden. Hatte man sie früher ins Ghetto gedrängt, so schlossen sie sich später freiwillig gegen alles Nichtjüdische ab, und es gibt wohl heute keinen deutschen Volksgenossen, dessen ganzes soziologisches Sein (einschließlich der religiösen Sphäre) man weniger kennt, als den Juden. Wohl nimmt man ihren besonderen Glauben, ihre Sitten und Gebräuche, ihr eigenartiges Temperament wahr, aber das verbinde>ibe geistige Band, das all' die Einzelmomente zu einem harmonischen Ganzen eint und uns verständlich macht, das fehlt leider. And indem man hauptsächlich das Trennende,