Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1916)
- Article
- Julius Stettenheim gegen den Antisemitismus
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 266 (sequence 3)
- Language
- German
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2CS Im Deutschen Reich,- „Berlin',- 26. August 1891. Bevor nicht die Behörden sich entschließen, die Judeuhctzer zur Gewerbesteuer herauzuzieheu, bekunden sie nur, hast sie das Wesen des Antisemitismus nicht erkannt haben." StetLenheim, der seit Jahrzehnten treuer Kurgast Karlsbads und dort allgemein beliebt war, hatte es nicht unterlassen, seine einflußreiche Stimme gegen die antisemitische Brunnenvergif» tung zu erheben, die auch dort sich vorwagte, und die Hetze nach Gebühr an den Pranger zu stellen. So hieß es in einem seiner ,,Sommerbriefe", die er im August 1901 aus Karlsbad Hinaussandte,.u. a.: „Bon grostcr Komik ist der Antisemitismus in Karlsbad. Im Sommer haben sie freilich zu viel mit dem Plündern der Fremden zu tun. Wie die Bauern während der Ernte keine Zeit zum Tanzen haben, so hat der Antisemit während des Sommers keine Zeit zum Hetzen, in dieser Zeit ist er socyar höflich, wenn er den Kurgästen ohne Unterschied der Nationalität und der Religion das Geld abnimmt. Aber im Winter wütet er dann um so charaktervoller. Der Winter.ist ihm die Zeit der Drachensaat. Wenn der Fremde nicht da ist, springt er über Tisch und Bant und Lobt so gesinnungstüchtig, daß er sein eigenes Wort nicht hören kann. Fm Sommer haben die Antisemiten mit höflichstem „Küß V Hand" die Juden übers Ohr gehauen, inr Winter nehmen sie keine .Hand vor den Mund, sondern verlangen energisch, daß wenigstens alle Nichtkurgäste vom Erdboden vertilgt werden. Dann ist ihnen nichts heilig als nur die Zucker-, Nieren- und Leberstein kranke, die in einigen Tagen wieder mit vollen Taschen erscheine;:, die sie bei hellem Tage sorgfältig überfallen. Dann wimmelt Karlsbad von Herren „von Cohn", und namentlich in den Läden wird jeder baronisiert, der im Winter wenigstens in Worten verbrannt oder durchgeprügelt worden ist."- Im heiteren Werk ,,Der moderne Knigge" wird der Antisemit als Gast vorgeführt, und da heißt es von ihm u. a.-. „Den Titel Judenfresser verdankt er nur dem Eifer, mit dem er gern bei Juden speist und zwar so, als wolle er sie um die Ecke essen.. Wenn er dem Gastgeber zutrinkt, macht er den Eindruck, als sei ihm dieser lieber als Herr Ahlwardt, was aber nicht viel sagen will. Er hetzt keinen Augenblick, im Gegenteil glaubt er, während er tapfer ißt, anstatt „Nieder mit den Juden" von ihm zu hören: „Nieder mit den Trüffeln und Artischocken". Erst, wenn er sich beim Fortgehen genötigt sieht, dem Diener ein Trinkgeld zu geben, bricht die alte Wunde wieder auf, und schon auf der Treppe fällt ihm ein, daß an der Fleischteuerung allein die Juden schuld seien." Die Dreyfusaffaire hat Stettenheim schon, im Anfangsstadium als ein Bubenstück der französischen Antisemiten beleuchtet. Als der unglückliche französische Kapitän am 3. Januar 1895 degradiert worden war, erstattete der famose Wippchen einen klassischen Bericht. Wippchen-Bernau schrieb aus Paris, 5. Januar 1895 u. a.: „Dreyfuß soll ein Dokument aus dem Kriegsministerium entwendet und an eine auswärtige Macht verkauft haben. Das kann doch nur jemand tun, der etwa wie Holland in Not istz die ja selbst Eisen bricht, oder der Teufet, der in der Not nichts anderes als Fliegen frißt. Drehfus aber war nicht in Not. Wenn er auch brauchte, was er hatte.-