Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1916)
- Article
- [Ohne Titel] / J. L.
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 248 (sequence 4)
- Language
- German
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243 Im Deutschen Reich. judenfeindlicher Absicht ist ferner eine Verfügung erlassen worden, der zufolge alle Geschäfte den vollen Sonntag über geschlossen bleiben müssen. Die Juden würden sonach ihre Geschäfts an zwei Tagen in der Woche schließen müssen, was ihren Ruin bedeutet. Denn, daß die frommen Juden Polens eher zugrunde 'gehen, als ihre Geschäfte am Sabbath offenhalten werden, weiß die junge Stadtverwaltung gar wohl. Das Offenhalten am Sonn- Lag war ihnen unter der schlimmsten altrussischen Knutenwirtschaft gestattet und die junge polnische Freiheit will es ihnen verwehren unter der ausgesprochenen Absicht, den jüdischen Handel der neuen polnischen Konkurrenz gegenüber zu vernichten. Aber die Hoffnung mag berechtigt sein, daß ein befreites, ein wiederaufgerichtetes Königreich Polen seinen jüdischen Bürgern gegenüber anders sich verhalten wird, als eins, das noch die Striemen der russischen Fesseln spürte. Die Polen können nicht im selben Augenblick aufhören Anterdrückte unh anfangen Unterdrücker zu sein. Nach mehr als einem Jahrhundert der Knechtung knüpft Polen an die glorreiche Geschichte seiner Selbständigkeit wieder an, und da mag es sich daran erinnern, daß sein ruhmreichster König, Kasimir der Große, die Juden in seinem Lande willkommen hieß wie Preußens großer Kurfürst, als Beschützer der Bedrängten, als Hort der Gewissensfreiheit, aber auch als weitschauender Förderer der wirtschaftlichen Wohlfahrt seines Landes. Die Juden haben denn auch dem Lande einen Handel begründet, haben Landwirtschaft wie Gewerbe gefördert und den Ertrag gesteigert, haben einen Mittelstand geschaffen, der dem Lande fehlte. Jetzt freilich haben die Polen einen eigenen, einen polnischen Handelsstand 'großgezogen und die Bedrückung der Juden ist eine gewaltsame Konkurrenzarbeit. . Aber ein neubelebtes Königreich Polen wird nicht zu russischen'Methoden greifen wollen, nachdem es sich eben vom Russenjoch befreit hat. Nach einem langen ruhmreichen und nun auch erfolgreichen Kampf um die Bewahrung seiner Eigenart wird das neue Polen nicht gewaltsam -re Eigenart seiner jüdischen Bevölkerung unterdrücken wollen, schon in der Erkenntnis, daß eine verständnisvolle Schonung dieser Eigenart die etwa wünschenswerte weitere Anpassung besser fördert. Gute, treue, opferbereite Bürger waren die Juden Polens in all ihrer Glaubens- und Ueberlieferungsireue von je. Das hat Koscius'zko warm anerkannt, das bezeugt die Geschichte der polnischen Erhebungen, jene unvergessene Zeit, in der Polens schöne und begeisterte Patriotinnen das Bild des ehrwürdigen Rabbiners Meisels in ihren Medaillons trugen. Nun ist man freilich vielfach geneigt, die völlige Gleichberechtigung der Juden in Polen vom bestimmenden Einfluß Deutschlands unb Oesterreich-Ungarns zu erwarten. In Amerika be-