Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1916)
- Article
- [Ohne Titel] / J. L.
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 204 (sequence 7)
- Language
- German
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204 Im Deutschen Reich. sonst als einfache Selbstverständlichkeit der Erwähnung wahrlich nicht wert erschiene. Aber nicht eine solche allgemeine Statistik ist gefordert worden, sondern nur eine Erhebung über die Beschäftigung der Juden in den Kriegsgesellschaften. Der Vorsitzende der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, Abgeordneter Scheidemann, veröffentlicht im ,,Vorwärts" unter der Ueberschrift ,,Die Iudenzählung von 1916" einen scharfen Protest gegen den befremdlichen Beschluß des Haushaltungsausschusses, die in den Kriegsgesellschaften beschäftigten Personen nach ihrer Religion feststellen zu lassen. Scheidemann nennt ihn einen „ungeheuerlichen Verstoß" gegen alles gute Herkommen und gegen die Grundsätze eines konfessionell neutralen Staatswesens. Wenn wirklich Drückeberger in den Kriegsgesellschaften sitzen — was nach der Meinung der Antragsteller durch die Zählung widerlegt werden soll —, so solle man sie an die Front schicken. Ob sie Juden oder Christen seien, sei gleichgültig. Weiter führt Scheidemann aus: „Der Beschluß der Budgetkommission ist wirklich nicht als Maßnahme zum Schutze der Juden gegen antisemitische .Hetze gedacht, vielmehr kommt er den Gcdankengangen der Herren, denen die sogenannte Iudenfrage das A und O echtdeutscher Politik ist, in der weitherzigsten Weise entgegen. Daß er überhaupt gefaßt werden konnte, ist schon ein interessantes Symptom dafür, daß' nach dem Kriege eine entschieden freiheitliche Richtung und eine reaktionär-demagogisch-uationalistische Richtung nur Lia Herrschaft im Innern kämpfen Werdens u „Jener Beschluß ist im höchsten Grade parteiisch. Wenn man schon Juden zahlen will, so soll man sie doch nicht nur in den Kriegsgesellähaften zählen, sondern auch in den Reihen der Kriegsfreiwilligen und in den Gräbern draußen an der Front! Rlan soll sie überall zählen, wo sie im Leben der Ration Tüchtiges geleistet und Verdienstvolles geschaffen haben nicht aber vuv Hort, wo man Material zu finden hofft, nur sie ungerechterw:ise in Bausch und Bogen zu verdammen." Die Liberale Korrespondenz teilt mit, daß der Antrag im Haushaltsausschuß abgelehnt worden wäre, wenn nicht die nationalliberalen Vertreter unter Führung des Abgeordneten Lrv Stresemann den Ausschlag für seine Annahme gegeben hätten. Gegen den Antrag stimmten die Sozialdemokraten und die Fortschrittlichen. Die Abstimmung erfolgte nach einem lebhaften Protest der Regierungsoertreter gegen den Antrag. Der Ausschußantrag dürfte übrigens, wie jetzt verlautet, der Vollversammlung des Reichstages gar nicht unterbreitet werden, Die Heeresverwaltung, die Sachverständige in kaufmännischen Angelegenheiten, für Material-Beschaffung und dergl. dringend brauchte, konnte sie eben nur in den Reihen der Kaufleute suchen und war also vielfach auf Juden angewiesen. Das Schiefe urld Falsche, um nicht zu sagen die Fälschung in derlei Statistiken liegt auch wesentlich darin, daß man