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Im deutschen Reich · 1916-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1916) · p. 162

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
22 (1916)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1916)
Article
Der badische Ministerpräsident August Lamey und die bürgerliche Gleichstellung der Juden
Date
1916-07-01
Page
162 (sequence 3)
Language
German
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162 Jur Deut scheu Reich. der zwischen den Israeliten und den anderen Staatsbürgern bis jetzt noch bestand, verwischt werden soll." Hiermit hatte Lamey den Gesetzentwurf über die völlige Gleichstellung der Israeliten im Auge, in dessen allgenreiner Begründung hervorgehoben wird, daß die Verwirklichung der völligen Emanzipation nur als eine Frage der Zweck- und Zeitgemäßheit erscheine. Ein wahrer Sturm von Petitionen setzte gegen die Regierungsvorlage ein. 194 Petitionerr, mit 18 000 Unterschriften bedeckt, liefen bei der Kammer ein. In einer Petition werden die Juden beschimpft als ,,fremde Schmarotzerpflanze", als „ein Nomadenstamm, der von Diebstahl und Betrug lebt", dessen zeremonielle Gesetze ,,die bürgerliche Ordnung stören und die Ausübung der Gewerbe hemmen". Berichterstatter der Konimission der 2. Kanuner über die von Laineys rechter Hand, dem damaligen Min.-Rat v. Dusch, im einzelnen ausgearbeite Vorlage war der berühmte Heidelberger Historiker Ludwig Häusser. Sein Bericht ist in hohem Grade fesselnd und, wenn auch im einzelnen — besonders in theologischer Beziehung — anfechtbar, von anerkennenswertem Streben nach Objektivität erfüllt. Er geht von der Lage der badischen Juden am Anfang des Jahrhunderts aus, beschäftigt sich eingehend mit dem Talmud und dessen von den Unterzeichnern der Petitionen angegriffenen Moral, sowie mit dem Messiasglauben, der gleichfalls den Juden zum Vorwurf gemacht war. So wenig der Bericht die Gründe und Folgerungen der Petenten teilt, so verkennt er doch nicht die namentlich auf dem Lande bestehende Abneigung gegen die Juden. Hier wird u. a. der folgende Gesichtspunkt hervorgehoben: ,,Was gegen die religiösen Vorstellungen der Juden hie und da geltend gemacht wird, ist denn auch nicht selten nur Mißverständnis oder Vorwand. Der schlagendste Beweis liegt wohl in der Tatsache, daß der Uebertritt der Israeliten zum Christenglauben in den Augen des Volkes noch keinesfalls emanzipiert; sie sind nach der populären Ansicht auch dann noch nicht Christen, nur „getaufte Juden". Im Plenum trat Lamey den Behauptungen der Petenten mit großer Entschiedenheit entgegen und bezeichnte das Gesetz als den letzten Schritt auf der Bahn der Emanzipation, die der Großherzog Karl Friedrich eröffnet hatte. Einzig der Abg. Federer erklärte sich gegen das Gesetz, indem er den Juden Schacher und Wucher vorwarf. Nachdem der Abg. Obergerichtsanwalt vr. Kusel, der erste israelitische Abgeordnete Badens, erklärt hatte, daß die Juden nicht Gnade, sondern Gerechtigkeit forderten, erfolgte die einstimmige Annahme des Gesetzes. Federer hatte sich vorher entfernt.

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