Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1916)
- Article
- Gustav Freytag und seine Beziehungen zu Juden und Judentum
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 112 (sequence 5)
- Language
- German
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312 Im Deutschen Reichs Existenzberechtigung verleihe. Werde er ihnen genommen, so stürzen sie wie eine leblose Masse aus Ton zusammen. FnHtag war Zeit seines Lebens ein treuer Freund seiner Freunde, zu denen auch eine beträchtliche Anzahl Juden zählten. Mit großer Liebe hing er an dem israelitischen Publizisten aus Oesterreich, Jakob Kaufmann, der mehrere Jahre hindurch Mitredakteur an den von Freytag geleiteten »Grenz» boten'' in Leipzig war. Er rühmte mir gegenüber, der ich Kaufmann gleichfalls kannte, die Selbständigkeit, Pflichttreue, Bescheidenheit und Gutmütigkeit dieses begabten Journalisten, der ihm wesentliche Dienste geleistet habe. Nach dem Tode des Genannten widmete er ihm in der Zeitschrift »Im Neuen Neich", deren Mitredakteur er einige Zeit war, einen rührenden Nachruf. Berthold Auerbach stand ihm ein halbes Menschentllter hindurch nahe. Er besuchte ihn wiederholt in Siebleben bei Goiha, wo Freytag seit 185 t ein kleines, bescheidenes und gemütliches Tuskulum bewohnte, und dieser unterließ es nicht, in den „Grenzboten" und anderswo die „Schwarzwälder Dorfgeschichten" des ehemaligen Rabbinatskandidaten lobend hervorzuheben. Die vielen glänzenden schriftstellerischen lEigen« schasten Auerbachs würdigte er in beredten Worten, wenn er es auch nicht unterließ, einige Schwachen und Schattenseiten des volkstümlichen Erzählers, so z. B. seine ungewöhnliche Eitelkeit, seine Dleltfremdheit und seine Naivetät, aber nur in engem Kreise, mit leichter Ironie hervorzuheoen. Mit dem Arzte Dr. Frtedmann in Döslau bei Wien stand Freytag jahrelang in brieflichem und persönlichem Verkehr und war ihm außerordentlich dankbar, daß er seine ganze Lrztliche Kunst aufgeboten, um den einzigen Sohn Freytags, der gleichfalls Gustav hieß — ein zweiter, Waldemar, war früher gestorben — von einer schweren Krankheit zu heilen. In den Briefen, die er an Albrecht v. Stosch wie an seine spatere dritte Frau, Anna S t r a k o s ch, geborene Götzel, die er nach seiner Heldin in der „Verlorenen Handschrift" stets nur „Ilse" nannte, richtete, wurde er nicht müde, die Tüchtigkeit, sowie den liebenswürdigen Charakter des israelitischen Arztes zu rühmen. In den letzten Jahren verkehrte er auch viel in Wiesbaden mit einem jüdischen Naturforscher, Ludwig Dreyfus, dessen Studien und Entdeckungen ihn sehr anregten. Sein „werter Freund", so schrieb er am 28. Mai 1888 an Albrecht v. Stosch, sei mit einem grundlegenden Werk über die Phylloxeriden beschäftigt, das er zugleich mit wunderschönen Zeichnungen «geschmückt habe. Diese Arbeit verspreche eine wesentliche Förderung im .Verständnis einer der dunkelsten Dinge der .Natur-