Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1916)
- Article
- Gibt es eine "arische" Rasse?
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 106 (sequence 3)
- Language
- German
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106 JJm Deutschen Reichs war er nur ein Türkensprößling und wer weiß wie viel „semitisches" Blut in seinen Adern geflossen sein mag. Die Möglichkeit, die '„Arier" <iu dem Sinne der Rassetheor«. tiker) zu erfinden, war dadurch gegeben, daß der Begründer der vergleichenden indogermanischen Sprachwissenschaft, Franz Bopp, gerade vor 100 Jahren den Beweis von der Urverwandtschaft der indogermanischen Sprachen: des Indischen, Persischen, Lateinischen, Slavischen, Germanischen, Keltischen usw. erbrachte. Seine Nachfolger versuchten nun die gemeinsame Mutter aller dieser Sprachen zu rekonstruieren, die man auch mit einem der indischen und persischen Ueberlieferung entlehnten Ausdruck als die „arische" Stamm-Sprache bezeichnet. Die Ansichten über das Aussehen dieser Ursprache haben im Laufe der Zeit sehr gewechselt. Man macht sich heilte ein anderes Bild von ihr als vor 50 Jahren, und vermutlich wird das Bild mit neuen Erkenntnissen, die schon in Aussicht stehen, in einiger Zeit wieder wechseln. Zu dieser arischen Ursprache brauchte man ober auch einen Träger, der sich ihrer bediente, und so kam man folgerichtig auf den Gedanken, zu der hypothetischen Ursprache ein noch hypothktischeres Urvolk zu ersinnen. Wo die Heimat dieses arischen Urvolkes gewesen sein mag, ob es einer einzigen und welcher Rasse es angehörte, wie seine Ausbreitung über Asien und Europa erfolgt ist, das sind lauter Fragen, die zu beantworten der exakten Wissenschaft vorläufig unmöglich ist und vielleicht für immer unmöglich bleiben wird. Wohl hat man das arische Urvolk in verschiedenen Gegenden Asiens und Europas festzulegen versucht. Bon Turkestan über Süd- Rußland nach Nord-Europa gibt es wohl kein Land, das dem bedauernswerten, bis jetzt heimatlosen Urvolk nicht schon als Heimat zugewiesen ist. Seit ungefähr einem Merteljahrhundert ist es nun Mode geworden, die Indogermanen-Heimat in di« Stammsitze der Germanen zu verlegen, wobei freilich die Gelehrten, die diesen Standpunkt vertreten, noch nicht ganz einig sind, in welchem Teil von Nord-Europa das Ausstrahlungs- Zentrum der Germanen zu suchen ist. Aber die Theorie von der Identität der Arier- und Germanenheimat, die durch mancherlei scheinwissenschaftliche Gründe auch von ernst zu nehmenden Forschern gestützt wurde, ist heute in weiten Kreisen fest eingewurzelt, man kann fast sagen, zum Dogma erhoben worden. .Wer an der Herkunft der Arier aus Nord-Europa und an ihrer Identität mit den Germanen zu zweifeln wagt, begeht geradezu eine Sünde gegen den Geist der Wissenschaft. Man hat ganz aus den Augen verloren, daß zwar die Germanen eine reale Größe sind, die man durch die Berichte der klassischen Schrift steiler oberflächlich kennt, daß aber die Indogermanen oder Arier nur die angenommenen Träger einer hypothetischen Ursprache sind. Darum ist immer und immer wieder zu betonen,