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Im deutschen Reich · 1916-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1916) · p. 105

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
22 (1916)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1916)
Article
Gibt es eine "arische" Rasse?
Date
1916-05-01
Page
105 (sequence 2)
Language
German
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Gibt cS eine »arische* Raste? 105 germanische" Sprachen, wie es semitische, hamitische, Bantu- Sprachen usw. gibt, es gibt aber keine „Arier". Alles was man über sie in populären Schrifterl, die mehr oder minder von Chamberlain-Phantasien befruchtet sind, zu lesen bekommt, ist nichts als ein Mythus. Die Arier sind der Mythus des modernen Europas geworden. Was immer von „arischem" Blut, „arischer" Veranlagung, „arischem" Charakter usw. behauptet wird, gehört in das Reich der Fabel. Nun wird mich mancher fragen: Wie kommt man dazu, von Ariern zu sprechen, sie in einen Gegensatz zu den Semiten zu stellen, ihnen Eigenschasten anzudichten, sie in den Himmel zu erheben, wenn sie gar nicht vorhanden sind? Die Antwort auf diese Frage ist: sie sind geschaffen worden durch das nie aussterbende Bedürfnis des Menschen nach dem Mythus. Wie die alten Römer sich eine Herkunft von vertriebenen Trojanern zulegten, wie diese Sage dann von den Franken übernommen wurde und bis tief in die neue Zeit hinein lebendig blieb — ein Chronist der Stadt Frankfurt a. M. läßt noch im 18. Jahrhundert sie durch Vermittelung der Franken von den Trojanern begründet sein — so haben moderne Fabulanten die. Sage von den! Ariern und der arischen Herkunft der Germanen, Kelten, Slaven usw. erfunden. Wenn schon die Rassenreinheit der Germanen, sobald man darunter alle Angehörigen des germanischen Sprachstammes begreift, höchst fragwürdig ist, so ist für eine gemeinsame Stammrasse aller Völker, die arische, d. h. indogermanische Sprachen reden, auch nicht der Schatten eines Beweises da. Reine Germanen trifft man höchstens an den Ufern der Nordsee und in einigen angrenzenden kontinentalen Landstrichen. In Süddeutschland, der Schweiz, Oesterreich oder in Groß-Britannien sind die eingewanderten Germanen längst zum größten Teil in der alteingesessenen Bevölkerung aufgegangen. Nicht zu vergessen ist auch, daß durch friedliche oder gewaltsame Zuführung fremden Blutes mancher Zustrom in die schon gemischte Bevölkerung dieser Länder geflossen ist. Gegenüber den Chamberlain'schen Theorien von der Rassenreinheit der Germanen muß ich immer wieder an ein Erlebnis der letzten Jahre denken. Vor einiger Zeit starb ein in den deutschen Schulkreisen hochgeachteter Pädagoge, der Sproß eines Hauses echt altpreußischen Schlages. In einem, seinem Gedächtnis gewidmeten Nachruf wird festgestellt, daß die Familie von einem türkischen Kriegsgefangenen herstammt, der sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Eharlottenburg bei Berlin niedergelassen hatte. Wenn Herr Chamberlain das Glück gehabt hätte, mit diesem vornehmen und tüchtigen Schulmann zusammenzutreffen, so hätte er ihn vielleicht in leiblicher, sicher in geistiger Beziehung als Muster eines Germanen hingestellt; dennoch

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