Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1916)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1916-03-01
- Page
- 71 (sequence 6)
- Language
- German
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Umschau^ 71 in jiddischer Sprache t>on dem Polizeidirektor v. Opem angekündigte Verlängerung eines Termins in der Gewerberolle-Anmeldung haben das Entsetzen der Alldeutsche;! Blätter erregt, die gar nicht begreifen, daß dieser Berstandigungsocrsnch der Behörden lnoglicherweije dazu beiträgt, eine an manchen Stetten befürchtete Acberflutung Deutschlands durch ostjüdische Einwanderer zu vermeiden. Aebrigens ist das Deutsch, das diese Ostjuden sprechen,dis lauf.sehr wenige hineingemischte jüdische Brocken, die Sprache, die in Mitteldeutschland vor Jahrhunderten allgemein gesprochen wurde, als die meisten Ahnen unserer heutigen so häufig den slawischen Typus deutlich aufweisenden Antisemiten noch kein deutsches Wort verstanden. Or Heinrich Loewe hat kürzlich darauf hingewiesen, wie die im 11 und 15. Jahrhundert aus Deutschland nach Polen flüchtenden Juden nicht nur die mittelalterliche deutsche Tracht, sondern auch die damalige deutsche Sprache, deutsche Märchen und Lieder in die neue Heimat hin übernahmen und allen Lockungen widerstanden, die deutsche Mundart gegen die herrschende polnische Sprache einzutauschen. Das Jüdisch-Deutsche ist keine korrumpierte hebräische Sprache, sondern ein veralteter, aber sehr leicht verständlicher deutscher Dialekt, der vielfach in ganz entfernten Ländern deutschen Juden, die zur Zeit der ärgsten Verfolgungen dorthin verschlagen worden sind, ermöglicht hat, nichtjüdischen Einwanderern als Dolmetscher nützlich zu sein. Die Hauptleitung des alldeutschen Verbandes, bestehend aus dem Rechtsanwalt Elaß. dem General z. D. Freiherrn v. Gebsattel und Geh. Kommerzienrat Dr. Kirdorf, hat schon im Vorjahr den Geheimen Regicrungsrat Fritz und den Oberamtmann vr. heinze Vorträge über den „Schluß der Reichsgrenzen gegen unerwünschte Einwanderungen" halten lassen und dann durch Drucklegung des Inhalts jener Vorträge weite Kreise in Deutschland mit dem Schreckgespenst einer Ileberslntung durch Ostjuden in -Aufregung versetzt. iHm 8. Februar d. I. hat sie nun ihre Wünsche dem Reichskanzler v. Bethmann-Hoilwcg in einer Eingabe unterbreitet und diese am 11. Marz d. It. in den Alldeutschen Blättern" veröffentlicht. Die Eingabe, die sich scheinbar gegen alle fremden Einwanderer und doch in Wirklichkeit nur gegerü das von. den AlLdeUtschen?gefürchtcte, tüchtige jüdische Element rich.wtz geht von einer irrtümlichen Voraussetzung aus, daß nämlich „alsbald nach dem Kriege große Scharen teils Deutscher, die heim zum Muttervolke wollen, teils ver» sch reden artiger Fremder, die ein neues Wirtsvolk suchen, rn das Gebiet des Deutschen Reiches ernzuströmen bestrebt sein werden". Ernsthafte Wirtschaftspolitiker werden nicht daran zweifeln, daß nichts verhängnisvoller für das Deutsche Reich Ware, als nach dem Friedensschluß um die Reichsgrenzcn eine chinesische Mauer zu ziehen, auf den Kolonialhandel zu verzichten, den „alldeutschen^, bezw. antisemitischen Planen gemäß sofort wieder mit dem Sabel zu rasseln und die Bemühungen zur Hebung der Industrie zu stören, die ohne Rücksichtnahme auf den Kapitalismus nicht zu erzielen Ware. Wenn Millionen unserer Feldgrauen nach Deutschland zurückkehren, sind die ersten vaterländischen Pflichten -ie Vermehrung Her Arbeitsgelegenheit und Verbilligung der Lebensführung. Wie weit dabei die deutschen Juden» die ihre Befähigung, auf diesem Gebiete Tüchtiges zu leisten, gar nicht mehr nachzuweiscn brauchen, Anerkennung finden werden, bleibt abzuwarten. Die sogenannte Iudenfrage ist nur ein Teil der sozialen Frage; die Juden sind cmS der deutschen Volkswirtschaft nickxt auszus-chattem weil sie fleißig. sparsam urrd strebsam, vor