Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1916-03-01 · Heft 3-4 (März 1916) · p. 69

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
22 (1916)
Issue
Heft 3-4 (März 1916)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1916-03-01
Page
69 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2316602-2316857-2316859--26000-2350591
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Umschau.- 69 für die sich bereits seit einigen Jahren das Interesse christlicher Kreise in erfreulicher Weise gesteigert hat. Nach dem Glasbruch des Weltkrieges wurde sofort und fcitbcm in dauernd steigendem Maße der Wert des Alten Testaments als Quelle des Trostes und seine Bedeutung als religiöses Palladium von christlicher Seite anerkannt. Nicht nur von den christlichen Feldpredigern, sondern von den meisten Geistlichen in der Heimat wurden mit sichtlicher Vorliebe ihren Ansprachen Kernsätze aus Iesaias und den Psalmen cingefügt. Auf Anregung angesehener Akademiker hat, wie mehrfach berichtet wurde, der vreuszische Kultusminister versprochen, die zum Zweck einer auch für bas Christentum wertvollen, intensiveren Vibclauslegung und der Kenntnis der spateren jüdischen Schriften mehrfach gewünschte Begründung eines Lehrstuhls für j ü d i s ch e W i s s e n s ch a f t a it der Universität Frankfurt a. Main ernstlich in Erwagung zu ziehen. Es ist auch darauf hingewiescn worden, daß dafür schon früher von jüdischen Gelehrten gemachte Vorarbeiten vorhanden, sind, die nur zu sammeln und zu ordnen wären. Neuerdings hat außerdem hierzu W Staerk im Heft 10 des „Neuen Merkur" in einem Aufsatz „Das Judentum alswissen schriftliches Problem" eine wertvolle Gliederung des für deutsche Hochschulen neuen Lehrfaches geliefert. Danach sollte auf sprachlich-literarischem Gebiet außer der Sprache des Talmuds auch das Neuhebräische und Jiddische, in der kulturgeschichtlichen Abteilung der Zusammenhang des Judentums mit der Antike sowie mit dem christlichen und islamitischen Mittelaller erforscht werden. Außerdem käme bei der religiös-geschichtlichen Forschung oie Entwicklung des religiösen Lebens der Juden und ihre Umwelt in Betracht, für das politische Studium die Bedeutung des Judentums im Leben der Völker aller Zeiten. Staerk hält dabei die Beteiligung christlicher Gelehrter für erforderlich. §aß es solche christliche Gelehrte gibt und auch früher schon gegeben hat, die den edelsten Gebrauch von der Vertiefung in talmudisches Wissen gemacht haben, ist nicht zu bezweifeln — man braucht dabei nur an Neuchlin zu denken! Von welcher Tragweite eine völlig unbefangene Auslegung der Heiligen Schrift durch das Studium des umfangreichen spateren jüdischen Schrifttums sein würde. hat der überraschende Ausgang eines Gotteslästerungs-Prozesses bewiesen. Der Herausgeber der antisemitischen Zeitschrift „Der Hammer", Theodor Fritsch in Leipzig, Ivar wegen der irr seiner Schmähschrift gegen die Gottheit, die nicht nur von Juden, sondern auch von gläubigen Christen und Mohammedanern angebetet, deren heiliger Name aber von frommen Juden nie ausgesprochen und nur durch die Buchstaben I . . . e bezeichnet wird, der Gotteslästerung angeklagt. In der von ihm verfaßten Schrift hat er sich über Gott auf Grund falscher Deutung von Stellen des Alten Testamentes in rohesten Beschimpfungen geäußert. Als Sachverständiger war in diesem Prozeß der Aniversitäts- Professor, Geheim rat Dr. Kittel, zugezogcn, der keineswegs als Antisemit betrachtet werden kann und sich auch über die agitatorische Tätigkeit und die Persönlichkeit des Angeklagten Fritsch in geradezu vernichtender Weise geäußert, aber doch durch ein eigentümliches Gutachten ihm, wenn auch sicher nicht absichtlich, zu einem Freispruch verholsen hat. Dieses Gutachten, in dem der christliche Theologe Kittel eine Auslegung des Alten Testaments gab, durch die er sich nicht nur mit den Aussagen der jüdischen Sachverständigen, sondern auch mit den Aussprüchen christlicher Kirchenvater sowie mit den Bibelauslegungen namhafter christlicher Gelehrter: Hengstenberg, Knrtz, Keil, Franz Delitzsch u. a. m. in schroffen Wider»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.