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Im deutschen Reich · 1916-03-01 · Heft 3-4 (März 1916) · p. 61

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
22 (1916)
Issue
Heft 3-4 (März 1916)
Article
Die Ostjudenfrage am Ausgange des achtzehnten Jahrhunderts
Date
1916-03-01
Page
61 (sequence 6)
Language
German
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Die Ostjudenfrage <m Ausgange deS 18. Jahrhunderts. 61 baubetriebes» der Zulassung zu den Zünften usw., jedoch ,,nicht in der Meinung, daß die noch bleibenden Einschränkungen für beständig unumgänglich notwendig wären, sondern unter der Voraussetzung und mit dem innigen Wunsche, daß sie nur als Ae Hergang von der härteren zur künftig besseren Behandlung angesehen werden". Das Gutachten wurde von der Kammer unter Vorsitz des Ober- Präsidenten gutgeheißen, und es wurde ausdrücklich betont, daß nach der Meinung der Kammer die Duldung der Juden der Bevölkerung nicht nachteilig sei. Anders aber dachte das Ministerium in Berlin, das die von vorurteilsfreier Gesinnung diktierten Aeußernngen verwarf und bei seiner alten Methode - verharrte, freilich unter Anerkennung der edlen Beweggründe, von denen der Antragsteller geleitet wurde. Dessen ungeachtet ist dieses Gutachten für die Gleichstellung der polnisch-preußischen Juden von wescnt iä^er Bedeutung geworden; denn die einmal angeregten Ideen ergriffen immer weitere Kreise der Beamten in den ehemals polnischen Landesteilcn. Auch zeigte es sich bald, daß diese Ideen, wenn sie auch augenblicklich eine Abweisung erfahren hatten, an den höchsten Regierungsstellen in Berlin doch micht ganz cindruckslos geblieben waren. — Im Jahre 1793 erfokgte die „zweite" und im Jahre 1795 die „dritte Teilung Polens", durch welche noch einige Gebiete an Preußen kamen, das nunmehr den größten Teil der jetzigen Provinz Posen nebst einem großen bücke des heutigen Russisch-Polen im Besitz hatte. Diese Gebietsteile wurden unter der Bezeichnung „Südprenßen" mrd „Aeuostpreußen" der preußischen Monarchie einverleibt. Es war natürlich, daß die Juden der an Preußen gekommenen Landesteile der Republik Polen den kommenden Dingen nicht ohne Beklommenheit entgegcnsahcn, und daß sle mancherlei Befürchtungen Raum gaben. Hatte man doch längst wahrgcnommen, mit welcher Lieblosigkeit die Juden von Friedrich dem Großen behandelt worden waren. Aber der neue Landesherr, König Friedrich Wilhelm II., galt als gerecht und human und genoß deshalb bei den Juden eine große Verehrung. Als die neuen Antertanen dem Könige huldigen sollten, ließen sie es auch an begeisterten Kundgebungen nicht fehlen. Bald mußte es sich nun zeigen, ob die von den Juden bei dem Aebergang an Preußen gehegten Befürchtungen berechtigt waren vder nicht. Da war zunächst die Tatsache erfreulich, daß das Ministerium in Berlin jetzt zu der Erkenntnis gelangt war» daß es die Juden der neuerworbenen Landesteile anders zu behandeln habe, als dies bisher mit den preußischen Antertanen jüdischen Glaubens geschehen war. Denn schon wenige Monate nach der Besitzergreifung richtete der Minister v o n V v ß an den Oberpräfidenten der südpreußischen Kriegs- und Domänenkammer Buggeuhagen in Posen ein schreiben, in dem es il a. heißt: „Die Einrichtung des Iudenwesens in dortiger Provinz ist von größter Wichtigkeit, da wahrscheinlich die Anzahl der Inden den achten oder neunten TeA aller Einwohner ausmacht,4) gegenwärtig aller Handel in ihren Händen, eine Menge Handwerker aller Art unter ihnen, und im ganzen genommen der Jude in Südpreußen ein kultivierterer Mensch, als der Bürger in den kleinen Städten und der Bauer auf dem platten 4) 1797 war fn den Städten Südpreußens der fünfte bis sechste Einwohner Jude, in Stadt und Land des Po jener Kammerbezirks der zwanzigste, im Bromberger Departement der siebzehnte.

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