Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage am Ausgange des achtzehnten Jahrhunderts
- Date
- 1916-03-01
- Page
- 57 (sequence 2)
- Language
- German
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Me Ostjudenfrage dm Ausgange des 18. Jahrhunderts. 57 etwas für ihre sittliche und geistige Hebung zu tun. Bald aber drängte sich ihm die Aeberzeugung auf, daß er bei der seiner harrenden großen und schweren Kultur- und Kolonisationsarbeit in den neuerworbenen Gebieten sein Augenmerk nicht in letzter Reihe auf die Juden zu lenken habe. Sollte daher diese Arbeit eine durchgreifende und seine zwecklose sein, so musste er entweder die jüdischen Bewohner» die beispielsweise in Westpreußen etwa den zehnten Teil der Gesamtbevölkeruug ausmachten und . zumeist in bitterster Not lebten, in seine Tätigkeit mit aufnchmen oder versuchen, sich ihrer zu entledigen. Der König wählte das letztere und verfugte unterm 16. November 1772 die Ausweisung der Juden aus dem Nctzcdlslrckt. Nur diejenigen Juden sollten daselbst fernerhin noch geduldet werden, welche ein Vermögen von mindestens 1000 Talern aufweisen konnten; alle anderen aber sollten bis zum 1. Ndai 1773 weggeschafft werden. Dieser Ausweisungsbefehl rief bei der gesamten Bevölkerung, namentlich bei den Beamten, große Erregung hervor, Flcl doch fast die gesamte Iudenschaft des Netzedistriktes dem traurigen Geschicke der Verbannung anheim. Denn eine alsbald vorgcnommene Aufstellung über die jüdische Bevölkerung ergab, daß von etwa 7000 Seelen nur 20 bis 30 Familien (mit ungefähr 191 Köpfen) je den Besitz von 1000 Talern Nachweisen konnten. Das rücks'chtslose Verfahren des Königs gegenüber den Juden fand nicht die Zustimmung der hohen Beamten, an die die Ausweisungsordre zwecks Ausführung ergangen war. So treu und ergeben diese Staatsdicner ihrem Könige auch waren, und so willige und begeisterte Mitarbeiter an den: großen Kolonisationswcrke Friedrichs des Großen sie auch gewesen sein mochten, bezüglich der Behandlung der Juden waren sie anderer Meinung als ihr königlicher Herr» und sie versuchten alle nur möglichen Mittel, um den Plan der Austreibung der Juden zu vereiteln. Ganz besonders .war es der Geheime Finanzrat von Vrenkenhoff, der sich der Fudcn des Nekedrstriktes, dessen Kolonisation ihm übertragen und an den die königliche Ordre zunächst ergangen war, in hervorragender Weise annahm. Lr bot altes auf, den Juden das ihnen drohende Unheil möglichst lange zu verheimlichen. And als die unglücklichen Verbannten von dem ihnen bevorstehenden bitteren Lose Kenntnis erhielten, da versprach ihnen der hohe Beamte auf ihre flehentlichen Bitten, sein möglichstes zu tun, daß' der verhängnisvolle Befehl zurückgenommen werde. And Vrenkenhoff erreichte es auch, unterstützt durch den Groffkanzler Freiherrn von Fürst, wenn auch nicht den König zur Aufhebung seiner Ausweisungsordre zu veranlassen, so do-ch diese vorläufig unwirksam zu machen, indem er auf die vielfältigen Schwierigkeiten und Nachteile hinwies, die mit der Ausführung des königlichen Befehls verknüpft sein würden. Cs war nämlich fcstgestellt worden, daß die jüdischen Gemeinden des Netzedistriktes arg verschuldet waren und daß die Gläubiger zumeist christliche Kirchen und Klöster, fromme Stiftungen und Handwerker waren.-) And alle diese liefen durch eine etwaige Ausweisung der Frrden Gefahr, ihr dargeliehenes Kapital zu verlieren. Vrenkenhoff glaubte nun, daff, wenn man dem Könige neben anderen auch dieses Bedenken unterbreite, ein Aufschub der Ausweisung zu erlangen sei. Sine wirksame Anterstützuna bei seinem Vorgehen fand Vrenkenhoff bei dem Großkanzler von Fürst, dem er in einem besonderen Schreiben auseinandersetzte, daß' „von den Juden nur höchstens 30 Familien' im Lande verbleiben könnten, wahrend alle anderen auswandern a) Die Schuldsumme betrug nicht weniger als 61218 Taler.