Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1916)
- Article
- Deutschland und die Ostjudenfrage
- Date
- 1916-01-01
- Page
- 27 (sequence 8)
- Language
- German
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Deutschland und die Ostjudenfrage. 27 lich nicht niehr die Möglichkeit gegeben sein, als Jude zum Beruf des Großvaters zugclaiseu und Rechtsanwalt zu werden. (Ls ist aber auch von andern Gesichtspunkten her wohl nicht augezeigt, Forderungen zu erheben, die dem Antisemitismus in die Hände arbeiten. Mein Artikel hat mir im einzelnen manche Be. tmstandungcn gegen nebensächliche Punkte eingebracht, aber gerade in bezug aus die Hauptforderungen habe ich so viele beipflichtende stimmen in allen Lagern vernehmen können, daß ich tatsächlich glaube, Meinungen des größten Teiles der deutschen Iudenheit wiedergegeben zu haben. Was mich aber besonders erfreut, ist, daß ich auch von christlicher Seite Zustimmung erhalten habe, und zwar aus den Kreisen fast aller Parteien. Sie alle betonen, daß man auf dem Wege der inneren Kolonisation die polnischen Juden in ibrem Lande erhalten müsse, damit sie nicht Deutschland überfluten, daß aber ein Ausnahmegesetz gegen sie geradezu ein Anglück darstellen würde. Es sind Vertreter fast aller großen politischen Parteien, mit Ausnahme der äußersten Rechten, darunter, und das sollte Herr Dr. Alexander doch wohl Bedenken gegen seinen Standpunkt eingeben? Herr Dr. Alexander erwähnt im Eingänge seines Artikels seine Unkenntnis der russischem und der jüdischen Verhältnisse. Ich habe mir Mühe gegeben, Wesen und Kulturfähigkeit der Ostjuden auf Reisen in Polen, in Galizien» in Rumänien und im Osten Londons kennen zu lernen, und ich kann auf Grund dieser Erfahrungen jedem dringend raten, nicht so verachtungsvoll auf unsere Glaubensgenossen im Osten heradzusehen. Würden sie in. erheblicher Anzahl einwandern, was wir in ihrem Interesse nicht wünschen, so würden sie sich weit schneller und gewandter in ihre neue Amgebung schicken und sich assimilieren, als es unseren Vätern vor. 100 Jahren möglich war. Bleiben sie aber in ihrem. Lande» so werden sie zweifellos» sobald sie von den Fesseln, befreit sind, sich zu erstaunenswerter höhe erheben. And werden auch trübe Aebergangserscheinungen nicht fehlen, so ist doch die höchste historische Instanz nicht, wie Herr Dr. Alexander tatsächlich annimmt, der Instinkt des Pöbels, sondern die innere Kraft einer Gemeinschaft. And an diesem Maßstabe werden die Ostjuden ob in der Fremde, ob auf ihrem eigenen Boden, überall ein Segen werden. EineErwiderung. Von D. Gellert in Posen. Herr Or. Goldmann hat in einem sehr beachtenswerten Artikel in der letzten Nummer „Im deutschen Reich" treffliche Ratschlage zu dem Problem der Ostjudenfrage gegeben, insbesondere den Juden in Polen Eristenzmöglichkeiten durch gleiches Recht, mehr Bewegungsfreiheit, soziale Maßnahmen usw. im Lande selbst, zu bieten, in welchem sie sich schließlich auch am wohlsten fühlen« Nur hierin kann man Herrn vr. Goldmann nicht zustimmen, wenn er mit einer abmahnenden Handbewegung sagt: Die Landbaufrage kann übergangen werden, denn es wird in Polen ebensowenig, wie auf dem Boden der andern Kulturstauten des Westens gelingen, die Städter gewordenen Juden wieder zu^ Ackerbauern zu machen. Das stimmt wohl nicht. Schon der blühende Stand der jüdischen Kolonien in Palästina, Argentinien, Brasilien, welche zum größten Teil von Ostjuden bewirtschaftet werden, beweist, daß diese wohl geeignet zur Landbebauung sind, und weil dies anerkannt wurde, sind große Organisationen per uns bestrebt, Ostjuden in der gesamten Türkei nach dem Kriege