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Im deutschen Reich · 1916-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1916) · p. 24

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
22 (1916)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1916)
Article
Deutschland und die Ostjudenfrage
Date
1916-01-01
Page
24 (sequence 5)
Language
German
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24 Im Deutschen Aeich. den „Preußischen Iahrbüchenl" erschienenen Aufsatz „Die soziale Unruhe der modernen Juden" zu zeigen versucht, wie schwierig sich der Prozeß der Eingliederung der deutschen Juden in Gesellschaft und Wirtschaft vollzogen hat und worin die Ursache dieser Erscheinung zu erblicken ist. Ich habe den Mangel an Bodenständigkeit, an Klassen- und Standesbewußtseiu als Folgen der raschen Aufnahme der Juden in den deutschen Volkstörper darzutun gesucht. Wollen wir aus dieser: Tatsachen nicht lernen? Soll man mit den Ostjuden erst dieselben schmerzlichen Erfahrungen machen? Wenn Dr. Goldmann mir vielleicht entgegnet, daß die Verhältnisse herrte anders liegen, so ist dies zu verneinen. Im übrigen bietet aber auch die Zeitgeschichte Beispiele, die meine Behauptungen bestätigen. Wir brauchen unsere Blicke nur nach dem East End Londons oder ins Ghetto Aewhorks zu werfen, um zu sehen, wohin ungehinderter Zustrom von Elementen in Volksmassen führt, die an Kultur höher stehen, wie sie. Wir würden in Berlin statt 140 00!) Juden in Bälde eine Million Juden haben, denn es ist selbstverständlich, daß iutr die große Stadt ihre Anziehungskraft auf die Einwanderer ausübt, in der sie glauben, ebenso rasch untertauchen zu können, wie die Möglichkeit zu haben, sich dank der Weitmaschigkeit des sozialen Gewebes der Großstadt bald wieder zu.erheben, um mm mit allen Mitteln den Dornenweg an die Somienseite des Lebens zu machen. Doch das ist nur eine Seite des Problems. Eine andere ist nicht von minderer Bedeutung. Die soziale Gliederung der Ostjuden ist noch stark ghettohaft, d. h. familieu- und gemeindemaßig begründet. Diese Grundlage muß naturgemäß bei. dem Eintritt in ,West« europa stark erschüttert werden und soll auch nach Dr. Goldmanns Wunsch entfallen, denn sonst würde ja nur der Wohnort gewechselt haben, da es ja schließlich gleich ist, ob die Ostjuden im Ghetto von Lodz oder im Ghetto von London leben. Es muß sich also der alte traditionelle Familienzusammenhang bei dem Aufgehcu der Ostjuden in den Westen lockern. Was tritt an seine Stelle? Um diese Frage einigermaßen beantworten zu können, müssen wir berücksichtigen, daß der erheblichste Teil der russisch-polnischen Juden dem kleinen Handels- bzw. Handwerkerstand angehört. Der Lebensstandard des Gros der Ostjuden steht weit unter dem der gleichen .Klassen und Stände Deutschlands angehörigen Bevölkerung. Die Folge davon wäre und müßte sein, daß die Ostjuden wegen ihrer geringen Lebensbedürfnisse auf den Arbeitsmarkt drücken werden. Ein Blick nach London und Newhork bestätigt uns dies, denn dort gelten die Ostjuden als Lohndrücker schlimmster Art, umsomehr als sie sich dem gewerkschaftlichen Zwang dank ihrer individualistischen Denkweise zu entziehen suchen. Es hört also der alte Zusammenhalt und Zusammenhang auf ohne daß er ersetzt würde durch eine starke Zusammenfassung in Ständen oder Klassen. Die Folge davon Ware wirtschaftliche und gesellschaftliche Unbeständigkeit und Wurzellosigkeit mit allen ihren trüben Begleit- und Folgeerscheinungen. CS ist unmöglich, in einer verhältnismäßig kurzen Erwiderung alle Seiten des Problems, welche die Frage „Deutschland und das Ostjudentum" bietet, zu beleuchten. Es sollte nur darauf hingewiesen.werden, wie groß die Schwierigkeiten und Bedenken sind, welche dem freien Zuzug der Ostjuden nach Deutschland entgegenstehen und daß die Situation wirklich nicht dazu angetan ist, rein aus dem Gesichtspunkte des Gefühls diese Frage lösen zu wollen, die ernsthaftestes Nachdenken und vor allem Achtung vor den' Tatsachen erfordert. Die Ostjuden heute in großem

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