Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1916)
- Article
- Deutschland und die Ostjudenfrage
- Date
- 1916-01-01
- Page
- 23 (sequence 4)
- Language
- German
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Deutschland und die Ostjudenfrage. 23 sächlich der Gesamteindruck, welchen, die Ostjuden auf den westeuropäischen Hervorrufen, der einer fremdartigen Gemeinschaft ist, ergibt die Tatsache, daß viele deutsche Glaubensgenossen, mit denen ich hierüber 311 sprechen Gelegenheit halte, mir dies bestätigen. Gs handelte sich hierbei um ernsthafte Menschen, denen das Iudenproblem eine Ouelle steten Nachdenkens ist» ja teilweise sogar um Zionisten, die so ehrlich waren, mir zu erklären, daß sie beit Westjuden manches ihnen zugesügte Schmähwort im Geiste abbitten müßten, weil sie es gewagt hätten, die Juden nicht als eine homogene Masse zu bezeichnen. Dr. Goldmann hat leider verabsäuntt, die kulturelle^ Seite des Problems zu berühren. Gr hat sich einen einheitlichen Typus „Ostjude" geschaffen, ohne beu tatsächlichen Verhältnissen Rechnung zu tragen. Für ihn ist er der leidende Glaubeusbruder, dem wir unser Herz nicht verschließen dürfen. Mit diesem Standpunkte entfällt eigentlich jedes Recht, unsererseits Kritik zu üben und die Frage zu prüfen, ob wir verpflichtet sind, die Ostjuden bei uns aufzunehmen, ob wir ihnen damit wirklich einen Dienst erweisen und schließlich, ob wir damit auch in unserm eigenen Interesse handeln. Ich will diese letzte Frage, die zu leicht unter dem Gesichtspunkt des pro domo Starrdpunktes gewertet werden könnte, ausscheiden und mich der Beantwortung der Dorderfragen zuwenden. Die Grundlage hierfür- .ist die Frage: Bilden Ostjuden .urrd Westjuden eine homogene Masse? Diese Frage .ist zu verneinen und zwar aus rein historischen Gründen. Die westlichen Juden erfreuen sich schon mehr als 100 Jahre der Emanzipation. Wir wollen ihren Wert nicht überschätzen, wie es vielleicht geschieht. Aber die Tatsache» daß ein Jahrhundert Freiheit uns umgibt, ist nicht aus unserer Gesamtentwicklung fortzuleugnen. Sie hat unser Rückgrat gestählt, hat uns zu freien aufrechten Menschen gemacht, denen die Segnungen deutschen Geistes- und Kulturlebens im vollsten Amfange zuteil geworden sind. Sie hat unsere Argroßväter, unsere Großväter und unsere Väter als deutsche Männer die deutsche Erde grüßen lassen, hat auf unser Denken und Fühlen bestimmend eingewirkt und Nicht zuletzt auch unser religiöses Leben beeinflußt. Wie stark wir uns mit dem Deutschen eins fühlen, hat uns das große Erlebnis dieses Krieges gezeigt, als wir spontan uns mit den andern Volksgenossen erhoben, um mit unserm Herzblut Zeugnis abzulegen für unsere heiße Liebe zur nunmehr ererbten deutschen Scholle. And diese Entwicklung schreitet weiter. Mögen Rückschläge kommen — uird sie werden Nicht ausbleiben >— unser Zusammengehörigkeitsgefühl mit der. deutschen Kultur und Heimat ist jedem Sturm gewachsen. Was mich nicht umwirst, macht mich starker, sagt Nietzsche. Wir sind aufgegangen im Deutschtum als deutsche Staatsangehörige jüdischen Glaubens. Nun will vr. Goldmann die östlichen Juden nach Deutschland verpflanzen und sieht hierbei keinerlei Schwierigkeit. Müßte ihm nicht die Geschichte der Emanzipation der deutschen Juden zu denken geben, die so viele traurige Kapitel aufweist und uns eigentlich auf jeder Seite lehrt» vne bedenkliche Kinderkrankheiten sie durchzumachen hatte und daß sich die Eingliederung der deutschen Juden in den deutschen Gesell- .schafts- und Wirtschaftskörper keinesfalls so ohne jeden Widerstand von außen und innen vollzogen hat? Fremde Menschenaruppen lassen sich eben nicht so ohne weiteres verpflanzen wie Bäume» die man, ohne ihnen Schaden zu tun» von einem - Erdreich ins andere überträgt. Ich habe in einem vor Jahren in