Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1916)
- Article
- Deutschland und die Ostjudenfrage
- Date
- 1916-01-01
- Page
- 22 (sequence 3)
- Language
- German
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22 Im Deutschen Reich. Eindrücke, welche Glaubensgenossen in diesem Kriege durch Berührung mit den Kindern des Ostens gewonnen Huben, zu diesem Resultat gekommen. Mir drängt sich die vorstehende Losung auf als die einzig mögliche bei Berücksichtigung der historischen /und gesellschaftlichen Entwicklung, welche die West- und Ostjuden genommen bat. Die Probe auf die Richtigkeit des Erempcls ist die, daß das Ergebnis den westlichen ebenso wie den östlichen Inden in vollem Umfange gerecht wird. Vr. Goldmann glaubt in einem übergroßen Optimismus, daß es uns ein Leichtes sein wird, unfern christlichen Volksgenossen die Ueberzeugung beizubringen, daß man den östlichen Juden gegenüber ein schweres Unrecht begeht, wenn man sie von den deutschen Grenzen fernhalt, vr. Goldmann glaubt also, daß die Missionsardeit, die er den westlichen Juden auferlcgen will, das Resultat haben wird, daß die christlichen Volksgenossen alsdann die Juden des Ostens mit offenen Armen ausnehmen werden. Anscheinend hat er doch eine zu hohe Meinung von der Läuterungskraft, die dem Kriege innewohnt. Vor allem aber übersieht er eins. Wir Juden empfinden historisch. Wir fühlen am eigenen Leibe, wie wir ganz Produkte der Entwicklung sind, welche die ghettomäßige Absperrung und Zurücksetzung durch Jahrhunderte an uns vollzogen hat. Können wir ein gleiches Maß historischen Verständnisses von unfern Volksgenossen verlangen, die nicht, wie wir, verurteilt waren, im Ghetto zu leben und stets im Vollgefühl der Macht waren? Nehmen sie sich etwa die Mühe, wenn sie an einem Juden Eigenschaften bespötteln, die sie als ihnen typisch konstatieren, festzustellen, wodurch er zu ihrem Träger geworden ist und ab er sie jemals erworben hätte, wenn die Mcnschengeneration, der er entstammt, sich frei und ungehindert von jedem Zwange hatte entwickeln können? Und nun die östlichen Irrden. Kann man erwarten, daß der Deutsche ihnen das historische Verstäirdnis entgegenbringt, das erforderlich ist, um ihre Erscheinung zu würdigen, ihres Wesens Kern zu erfassen? Beweisen nicht die Nachrichten, die vom östlichen Kriegsschauplatz zu uns dringen, das gerade Gegenteil? Diese Dinge darf man nicht so ohne weiteres mit einer Handbewegung abtun, sie haben symptomatische Bedeutung und wirken wie Wetterleuchten, das die Gegend erhellt und einen raschen Ueberblick über sie gestattet, jedoch auch ost ein drohendes Gewitter ankündet. Oaveant eonsules. — Dr. Goldmann versucht zur Rechtfertigung seines Standpunktes den Nachweis zu führen, daß die östlichen Juden zum Deutschtum viele Beziehungen hätten und ihm gewissermaßen Wesens- oder doch kultürverwandt seien. Nun, das ist doch nur sehr begrenzt der Fall. Gewiß hat das „Jiddische" seinen Ursprung in der deutschen Sprache. Aber gerade dieser Jargon bietet vielleicht einen der stärksten Widerstände gegenüber der Aufnahme der östlichen Juden in Deutschland. Er ist nicht nur nicht -otzu angetan, ein Bindeglied zwischen westlicher und östlicher Sprechkultur zu werden, sondern muß geradezu durch das Eigenartige seiner Ausdrucksweise und Aussprache befremdend und entfremdend. wirken. Ganz etwas anderes ist die Frage, inwieweit das „Jiddische" bei der deutschen Kolonisationsarbeit in Rußland bzw. Russisch-Polen von Erheblichkeit ist. Hierbei ist vr. Goldmann darin recht zu geben, daß die östlichen Juden als Zwischenträger für deutsche Kulturarbeit unentbehrlich sind. Sonst aber kann von einer auf die Sprache zurückgehenden Zusammengehörigkeit wirklich nicht gut die Rede sein, denn nicht jeder Deutsche ist Etymologe und gewillt, den indischen Dialekt «uf seine mittelhochdeutschen Ursprünge zu untersuchest. Daß Lat-