Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1916)
- Article
- Deutschland und die Ostjudenfrage
- Date
- 1916-01-01
- Page
- 21 (sequence 2)
- Language
- German
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Deutschland 'und die Ostjuöensrage. 21 Deutsche so stark berührt, diese Gefahr so dräuend ihr Haupt erhoben, wie jetzt, da russische Millionenheere wie eine neue Hunnenflut Deutschland überschwemmen wollten, um uns, in Gemeinschaft mit England und Frankreich, zu überrennen. Die Unterschätzung dieser Gefahr ist, soweit nicht die preußische Reaktion sie bewußt negierte, im wesentlichen zurückzuführen auf völlige Unkenntnis, in welcher wir uns diesem Lande gegenüber befinden, das für uns in seinem Völkergemisch, seinen politischen und sozialen Strömungen und Unterströmungen ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist. Wieviel falsche Urteile haben wir wahrend des Krieges über das innerpolitische Leben Rußlands gehört. Wie oft hat man uns von den Revolutionen erzählt, die Rußlands gewaltigen Körper so erschütterten, daß das Land an einen ernsthaften Widerstand nicht denken könne. Wie begierig haben wir die Nachrichten, die aus dem Innern Rußlands tropfenweise zu uns drangen, ausgenommen, um wenigstens etwas Klarheit in unsere Begriffe von diesem dunklen Erdteil, dieser terra incognita zu bringen. Kann es uns da Wunder nehmen, daß die russischen Juden, die man doch in Deutschland meist nur als müde Ahasvergestalten kennt, weitesten Kreisen unbekannt geblieben sind in ihrem Wollen, Fühlen, Denken und Handeln. Und müssen wir deutschen Juden nicht selbst bekennen, daß uns die östlichen Glaubensgenossen nur soweit bekannt sind, als ihr Schicksal unser Mitleid erregt hat und wir bemüht sind, es zu bessern? Wissen wir, ob sie in ihrer Mehrheit gewillt, ihre barbarische Heimat zu verlassen oder ob sie das Land der Pater init der Seele suchen oder wie sonst ihre Zukunstshoffnungen sind? Folgten wir den Zionisten, dann ist der Ostjude der Idealjude par exeeüenee, dem wirklich sein Judentum noch Stammes- und Herzenssache ist. Schenken wir modernen Stimmen im Osten Gehör, dann gibt es für die Juden des Ostens nur eine Rettung, d. i die Assimilation mit dem Westen. Dazwischen tönt schrill der Ruf nach Sozialismus und Anarchismus. Und ein kleines Häuflein gar hat die Tempelstürmerei auf seine Fahnen geschrieben. Aus diesem Chaos forme man Menschen, die uns gleichen. Dr. Goldmann hat sich in seinem Artikel „Deutschland und die Ostjudenfrage" nicht auf den Standpunkt des Politikers gestellt, der alle Momente in den Kreis seiner Betrachtung ziehen muß. Es ist vielmehr der Standpunkt des Wohlfahrtspolitikers, den er dieser Frage gegenüber einnimmt. Ist dieser Standpunkt gerechtfertigt und vor allem, wird er dem schwierigen Problem, das sich uns unter dem Zwang der Verhältnisse ausdrängt, gerecht? Ich schicke voraus, daß die Beantwortung der Frageob der unbegrenzte Zuzug östlicher Juden nach Deutschland ja nur akutes Interesse in dem Falle hat» daß es Deutschland gelingt, einen maßgebenden Einfluß auf die innere Gestaltung Russisch- Polens zu gewinnen» Erledigt sich diese Frage in negativem Sinne, so entfällt damit die praktische Seite des Problems. Im andern Falle verlangt sie gebieterisch ihre Beantwortung. Diese kann jedoch, um es gleich vorweg xu nehmen, nicht, wie es seitens Dr. Goldmanns geschieht, zwei Lösungen finden, nämlich entweder unbeschrankten Zuzug der östlichen Juden nach Deutschland, vderwas chm ja allerdings auch als das zweckmäßigere Ziel erscheint, freiheitliche Umgestaltung ihrer Rechte zur vollen staatsbürgerlichen Freiheit auf heimatlicher Scholle, sondern nur die letztere. Ich brauche nicht zu betonen, daß ich nicht zu jenen Glaubensgenossen gehöre, die, wie Dr. Goldmann meint, aus Bequemlichkeit dem ostjüdischen Zustrom entgegentreten. Ich bin auch nicht durch die