Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1916)
- Article
- Der russischen Juden Not und Trost
- Date
- 1916-01-01
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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30 Im Deutschen Reich. Ictncm Zweifel. Mitleid mit den unglücklichen Opfern russischer Politik und Lebensart, Erkenntnis der Ursachen ihres unglücklichen Schicksals lverden wir kaum zu erwarten haben. — Der gewaltige Weltkrieg, der Donner der tausende von Geschützen, der Schmerz über den Verlust von Gatten, Söhnen und Brüdern, der heiße Kampf um den endgültigen Sieg und die unermüdliche deutsche Arbeits- und Schaffenskraft, das sind Momente, hinter denen, jetzt wenigstens, der Wunsch nach Belehrung über die Ursachen der uns so schmerzende» Wunden zurücktreten muß; alle noch so lauten Worte an die Allgemeinheit werden im Kricgsgetöse verhallen. Seien wir zufrieden, wenn an maßgebenden Stellen Schlitz für jene Unglücklichen erreicht tvird, tvenn auch sic in den besetzten Landcsteilcn vor Ausschreitungen bewahrt lverden. Und daß dies geschieht, verdanken wir der strengen Gerechtigkeit unserer Militärbehörden. Wir sollen uns nicht einmal daraus berufen, daß auch viele tausende von deutschen Juden in unseren Heeren kämpfen und bluten. Das ist selbstverständliche — Schutz wird den armen Unglücklichen zuteil aus sachlichen Gründen, und selbst wenn sic diesen oder jenen Ort wieder verlassen müssen, so ist dies nicht eine rücksichtslose Härte, sondern dann sind Gründe hygienischer oder militärischer Art maßgebend, die lvir, zumal bei dem wohlüberlegten Handeln unserer Kommandos, gar nicht zu kritisieren brauchen. — Aber eins zu bedenken haben wir das Recht und sogar die Pflicht, das ist die Zukunft dieser Juden. Und da möchte,ich nicht nur von den russischen, sondern auch von den galizischc» Juden reden. Letztere lebten ja nicht unter dem russischen Joch, lind lvcr wollte bezweifeln, , daß mau beim Durchmarsch durch Galizien die äußeren Formen jüdischen Lebens noch viel elender sah als in Rußland? Ja, man kann zwischen diesen beiden Volksarten, so verwandt sie sind, einen rivalisierenden Gegensatz sehen. Der russischeJude hat viel mehr Energie, arbeitet unermüdlich, auch als Maurer und Säcketräger, als Fabrikarbeiter und Steinklopfer, und vor allem als Handwerker jeder Art, während anscheinend der galizische noch mehr sich dem Kleinhandel ergibt. Der Handel — das ist es, dem beide Juden, der russische und der galizische, möglichst zu entfremden sind. — 'Hierin liegt die praktische Arbeit, die einzusctzen hat, sobald der Frieden eine weitere Beschäftigung mit diesem Kulturwcrk erlaubt. Soweit es möglich ist, muß dieses Werk jetzt schon beginnen, der armen jüdischen Bevölkerung muß Gelegenheit zur Arbeit gegeben werden, mit der sie sich Brot verdienen, das Brot kaufen kann, das sie nicht erbetteln soll. Wo Straßen und Eisenbahnen gebaut werden, da werden diese Juden gerne im Schweiße ihres Angesichtes als freie Arbeiter sich ihr Brot verdienen. Und vor allem müssen sie, ansässig werdend, sich dem Kleinackerbau und der