Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1915)
- Article
- Deutschland und die Ostjudenfrage
- Date
- 1915-10-01
- Page
- 208 (sequence 14)
- Language
- German
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208 Im deutschen Reich. Deutschen Kultur zu überziehen, würben ihn haltlos und un« fertig machen, ihn in innerliche Widersprüche versetzen und ihm das Kraftvolle rauben. Der Ostjude muß geistig und leiblich frei werden, aber auf seinem Boden und in seiner Eigenart, soweit sie gut ist. Nur so ist seine Seßhaftigkeit verbürgt! Aendern würde sich freilich hieran vieles, wenn wirklich, was aber kaum geschehen dürfte, größere Teile Polens dem Reichsgebiet einverleibt und damit an das Kulturleben des Reiches in allen seinen Aeußerungen angeschlossen werden sollten. Die in solchen Provinzen befindlichen Juden würden sich aber ohne besondere Bemühung von anderer Seite bei ihrem deutsch gerichteten Wesen ebenso schnell einbürgern und anpasfen, wie es heute schon rein mechanisch die ReberlegenheiL der deutschen Kultur in vielen Einzelfällen bewirkt. Daß in einem neuen Polen auch wirtschaftlich unendlich Kiele Reformen zu verwirklichen wären, ist selbstverständlich. Bisher war das Land mit dem Osten eng verbunden, und das hat natürlich auf die Konkurrenzfähigkeit seiner Industrie wie auf viele andere Gebiete des Wirtschaftslebens sehr > ungünstig eingewirkt. Die Juden werden Leiden und Freuden der künftigen Entwicklung mit der polnischen Bevölkerung teilen. .Nur das eine sei hier betont, daß zu einer Gesundung nach dieser Richtung eine Berufsums chichtung unter unseren polnischen Glaubensgenossen nicht notwendig erscheint. Die Landbaufrage kann übergangen werden, denn es wird in Polen ebensowenig wie auf dem Boden der anderen Kulturstaaten des Westens gelingen, die Städter gewordenen Juden wieder zu Ackerbürgern Zu machen. Aber abgesehen davon, finden sie sich in allen Berufen, nicht nur im kaufmännischen, in Zahlen, die ihrem Bevölkerungsanteil so ziemlich entsprechen. Allen Handwerkern wenden sie sich zu, auch solchen, die schwerste körperliche Arbeit verlangen, und in den Industriemittelpunkten sind sie zu tausenden als Fabrikarbeiter tätig. Ihre Berufszusammensetzung kann hemnach auch heute keineswegs als unbefriedigend angesprochen werden. Wenn also Fritz — und an seinem ehrlichen Willen zu zweifeln haben wir nicht den geringsten Anlaß — nicht nur den Zuwandererstrom von unserem deutschen Vaterlande sernhalten will, sondern auch für die armen, verachteten und . verkannten Stiefkinder des Schicksals ein menschliches Empfinden hat, und ihr Los bessern möchte, so weiß er den Weg, der überdies noch dem deutschen Reich eine widerstandsfähige Vorhut deutscher Kultur im Osten schaffen Würde. In diesem Sinne möge er wirken, und da es ihm bei seiner Stellung an Einfluß nicht fehlen wird, wird er sicherlich vieles erreichen können, sobald er seine Stimme erhebt. Eine großzügige, wohlwollende und gerechte .Reform würde übrigens noch nebenher ein Ergebnis haben,