Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1915)
- Article
- Deutschland und die Ostjudenfrage
- Date
- 1915-10-01
- Page
- 207 (sequence 13)
- Language
- German
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Deutschland und die Ostjudenfrage. 207 Hebung hatten. Hier kann ein einzige? Mißgriff die ganze Arbeit gejahrden und für lange Zeit biz Juden mit einem Mißtrauen erfüllen, das sie selbst die besten und nützlichsten Vorschläge glatt zurückweisen läßt. Die Schulfrage ist im wesentlichen eine Sprachenfrage! Die russischen Versuche sind weniger an der Aenderung der Methode und der Verwehrung des Lehrstoffs im traditionellen „Eheder" gescheitert, als daran, daß die Juden sich keine fremde Sprache im Rnterricht aufzwingen lassen wollten. Die vom Westen ausgehende Emanzipation wird genau dasselbe Schicksal erleiden, wenn sie nicht auf die sprachliche Eigentümlichkeit Rücksicht nimmt. Die Ostjuden sind deutschen Sprachstammes. Aber wie etwa Holland, das sich in ähnlicher Lage befindet, sprechen sie keineswegs einen bloßen Dialekt, der neben dem 'Schriftdeutschen bestehen könnte, sondern eine eigene Sprache, die übrigens auch eine große und wertvolle Literatur hervorgebracht hat. Sie darf ebensowenig angetastet werden, wie jede andere Eigenart, in der nicht gerade ein sittlicher Mangel zum Ausdruck kommt. Den jüdischen Schulen als Unterrichtssprache die deutsche mit Gewalt auf« drängen zu wollen, hieße einen zähen und erbitterten Widerstand Hervorrufen, der das Gegenteil von dem beabsichtigten Erfolge erzielen würde. Statt sich in der Freiheit der augenscheingichen sittlichen und sonstigen wirklichen Schäden zu entledigen, würden sie an ihnen nur um so fester hängen und auch in ihnen wertvolle und berechtigte Eigentümlichkeiten erblicken. Unterrichtssprache kann weder die polnische noch die deutsche, sondern allein die jiddische Mutterspache sein. In noch höherem Maße ist Vorsicht bei religiösen Fragen vonnöten. Hier mit Gewalt etwas durchsetzen zu wollen, wäre ein Unglück sondergleichen. Selbst, wo es sich um offenbare Mißstande handelt, die der strenggläubigste Westjude langst als solche erkannt und abgelegt hat, muß man sehr schonend Vorgehen, und der Mißerfolg in allen diesen Fragen ist von vornherein verbürgt, wenn man vom grünen Tische aus verordnet, ohne eine genaue Kenntnis des Ostjuden, seiner Religion, seiner Kultur, seiner Seele und ihrer Bedürfnisse zu haben. Sie fehlt aber den meisten von denen, die in diesen Tagen mündlich und schriftlich sich über ihre Zukunft auslassen. Man verkennt oft in christlichen wie in jüdischen Kreisen unseres Vaterlandes den Zweck der notwendigen Kulturemanzipation durchaus. Ihr Sinn ist nur die Befreiung von den schlimmen moralischen und geistigen Ergebnissen des Drucks. Keinesfalls ist es aber ihre Aufgabe, den polnischen Juden in Sprache, Wesen und Anschauung der Kultur Deutschlands restlos zuzuführen. Er hat seine Eigentümlichkeiten, die wertvoll sind; sie soll er sich erhalten. Er soll seine eigene Kultur leben und sie entwickeln. Ihn seiner Besonderheit entkleideu^M ihn mit tez Tünche der,