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Im deutschen Reich · 1915-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1915) · p. 206

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
21 (1915)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1915)
Article
Deutschland und die Ostjudenfrage
Date
1915-10-01
Page
206 (sequence 12)
Language
German
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206 Im deutschen Reich. Staatsversassung und Reichszugehörigkeit sein mag, ein dringendes Interesse daran, nicht nur die Ostjuden mit ihrem Boden fest zu verknüpfen, sondern sie auch so stark und frei wie möglich zu machen. In innigem Zusammenwirken mit den Polen würden sie das reiche und doch so unglückliche Land zu neuer Blüte bringen. Sie im besonderen würden aber den Zusammenhang mit dem deutschen Wesen sichern und den Einfluß deutscher Kultur dort fest verankern. Die ehrliche Durchführung der Rechtsemanzipation im Osten liegt demnach im doppelten Interesse des deutschen Vaterlandes. Nicht im Handumdrehen ist die Aufgabe restlos zu lösen, und die vollen Wohltaten werden von allen Beteiligten vielleicht erst in Jahrzehnten genossen werden. Aber die dringendste politische Gegenwartssorge, die Auswandererfrage, wird litt dem Augenblicke gelöst sein, da die Juden zu den Herren ihres ^Schicksals Vertrauen gefaßt haben. Gelingt es, sie mit diesem Glauben an das aufrichtige Wohlwollen ihrer Befreier zu erfüllen, so werden sie freudig die Schwierigkeiten und Opfer der Rebergangszeit auf sich nehmen. Noch weit notwendiger ist aber das felsenfeste Vertrauen, daß man nur ihr Bestes will, sobald es sich um die weitere Frage der Ku! turemanzi - pation handelt! Eine bloße Befreiung, die bloße Gewährung gleicher Rechte nnd Erlösung vom polnischen Antisemitismus ohne gleichzeitige eindringliche und groß angelegte Kulturarbeit im Innern wäre ein Geschenk, mit dem der Ostjude vielleicht recht wenig anzufangen wüßte. Es könnte sogar unter Umständen geradezu schädlich wirken. Diese Aufgabe wird wesentlich dadurch erleichtert werden, daß einerseits — wie die Erfahrungen in Amerika es beweisen — der Ostjude sich durch seine intellektuellen Fähigkeiten leicht anpaßt und sich fast spielend zur höheren Kultur erhebt, daß andererseits die geschichtlichen Erfahrungen der preußischen Iudenemanzipation benutzt werden können. Aber klein ist sie darum keineswegs. Wir brauchen an dieser Stelle nicht alle bekannten Schäden moralischer Natur anzuführen, die das russische Reich mit seiner Grausamkeit und seiner Bestechungswirtschaft verursacht hat. Sie müssen alle behoben werden, und Hand in Hand damit muß eine staatsbürgerliche Erziehung gehen, die durch langsame Heranbildung zu den Selbst- Verwaltungsausgaben. und den Staatsgeschaften das Pflicht» bewußtsein und das Verantwortungsgefühl weckt und fortbildet. Rnter den Einzelfragen, die hier ihrer Lösung entgegengesührt werden müssen, steht die Bildungsfrage, die Ausgestaltung der Volksschule, in erster Reihe. Sie ist sicherlich auch die schwerste, und gerade an ihr sind schon früher jene russischen Machthaber gescheitert, die von einem gewissen Wohlwollen gegen die; Juden erfülltsin ehrliches Interesse an ihrer kulturellen

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