Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1915)
- Article
- Deutschland und die Ostjudenfrage
- Date
- 1915-10-01
- Page
- 205 (sequence 11)
- Language
- German
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Deutschland mib die Osijübenfrage. 205 Den Gipfelpunkt bilden wohl die Vorgänge in Warschau, wo die Juden sich nicht unter das schmachvolle Joch beugen wollten und bei der Wahl ihre Stimme einem gehässig antisemitischen NaLionalpolen nicht gaben. Da diese feste Haltung zum Siege des Gegenkandidaten führte, wurde über sie ein scharfer Boykott verhängt, der das bestehende Elend vergrößerte, Tausende von kleinen Existenzen zugrunde richtete und — was hier am meisten interessiert — die Auswanderungsbewegung stark anfachte. Daß nun diese Zustände sehr schlimm geworden sind, und daß ein Wandel herbeigeführt werden muß, ist zweifellos. Selbst ein politisch konservativer Schriftsteller wie Adolf Grabowsky verlangt, in der Zeitschrift „Das neue Deutschland", daß man „die Juden vor den Polen sichern" müsse! Er trifft den Kern der Sache, wenn er sagt, daß die Polen anderen gewähren müssen, was sie für sich selber in Anspruch nehmen. Auf welcher Grundlage ein Ausgleich möglich ist, kann als rein technische Frage späterer Sorge überlassen bleiben. Denn die Möglichkeit eines Friedens, der beiden Seiten gerecht wird, ist unbestreitbar. Das Land mit seinen reichen Entwicklungsmöglichkeiten hat Raum für beide Teile, und das geistig regsame polnische Volk braucht ganz gewiß den Wettbewerb der Juden nicht zu fürchten. Gewiß wird die Durchführung der politischen Freiheit eine Aufgabe sein, die an Deutschlands Kraft und Geschick recht erhebliche Anforderungen stellt. Der Erfolg wird aber die Mühe lohnen. Denn wenn die Reichsregierung nicht schon aus Menschenfreundlichkeit und sittlichem Pflichtgefühl bei der Neuordnung der Verhältnisse den Juden Freiheit und Gleichberechtigung gäbe, müßte es sicherlich geschehen, weil sie sich dem Nutzen dieser Iudenmassen für das Deutschtum nicht wird verschließen können. Sie sind ja deutschen Sprachstammes, und in ihrem ganzen -Wesen neigen sie naturgemäß weit mehr nach dem deutschen Westen als nach dem slawischen Osten. Höchstens eine kleine Oberschicht hat sich der polnischen Kultur zugewendet. Sie bedeutet aber an Zahl fast gar nichts, und es fehlt ihr auch jeder Einfluß auf die große Menge, der sie sich auch sicherlich wieder anpassen würde, sobald sie deren zunehmende Kraft und den festen deutschen Rückhalt verspürte. In den Massen aber hat Deutschland schon heute freiwillige Vertreter des deutschen Geistes im Osten, und um wieviel mehr würde das zutreffen, wenn aus den unterdrückten Proletariern freie und starke Menschen würden, wenn die Pflicht einer tiefgefühlten Dankbarkeit ihr Wirken bestimmte. Sie würden einen unschätzbaren Stützpunkt für den deutschen Einfluß im Osten bilden, einen festen Damm gegen alle deutschfeindlichen Bestrebungen des Panslawismus, eine starke Seitendeckung für den großen Weg nach dem Orient. So hat Deutschland, welches auch die äußere Form ihrer späteren