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Im deutschen Reich · 1915-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1915) · p. 204

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
21 (1915)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1915)
Article
Deutschland und die Ostjudenfrage
Date
1915-10-01
Page
204 (sequence 10)
Language
German
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204 Fm deutschen Reich. schwemmen soll oder nicht. Deutschland hat gegenwärtig Polen besetzt. Welches auch immer sein künftiges Schicksal sein wird» ob es zum Teile an Deutschland fallt, ob es selbständig wird oder mit Galizien vereint einen österreichischen Staat bildet, immer wird Deutschland eine entscheidende Stimme haben; und es kann fast alle Schwierigkeiten aus dem Wege räumen, wenn es den Ostjuden ein neues Leben gewährt, dessen Inhalt durch die schlichten und doch so gewichtigen Worte bestimmt ist: Freiheit und Recht! Wenn noch darüber hinaus bei künftigen Friedensverhandlungen sich für den bei Rußland verbleibenden Teil ähnliches erwirken ließe, würde das Deutsche Reich sich um die Lösung der Iudenfrage ein Verdienst erwerben, dessen sich die Weltgeschichte und das Judentum bis in die fernsten Zeiten mit Dankbarkeit erinnern werden. Recht und Freiheit! Sie den Ostjuden gewähren ist das beste Mittel, um die Abwanderung zu unterbinden. Freilich handelt es sich dabei nicht nur um eine Befreiung vom moskowitischeu System, nicht nur um politische Rechte, sondern mehr noch um Bewegungsmöglichkeit im Beruf und Gewerbe, um freie Bahn für die Verwertung aller Fähigkeiten. Hier kommt aber alles darauf an, ein erträgliches Verhältnis zu den Polen herzustellen, mit denen sie das Land teilen. Der gegenwärtige Zustand ist sehr unerquicklich. Die Polen, die als Minderheit in anderen Ländern sehr feinfühlig sind und sehr beweglich über die geringste auch nur vermeintliche Bedrückung zu klagen verstehen» pflegen als Herren ihre Macht recht fühlbar merken zu lassen. Es herrscht bei den.Polen zweifellos ein starker und gefährlicher Antisemitismus, dessen Ursachen unschwer festzustellen sind. Vornehmlich ist er durch wirtschaftliche Umstände hervorgerufen worden. Mit dem Entstehen eines polnischen Mittelstandes, dessen Stelle die Juden bis dahin eingenommen hatten, mußte es zu einem scharfen Aufeinanderprallen der Gegensätze kommen. Die russische Regierung goß noch Oel ins Feuer. Aus dem eigentlichen Rußland trieb sie Tausende und aber Tausende von Juden in die polnischen Gouvernements, vermehrte so Elend und Feindschaft, da nicht genügend Erwerbsmöglichkeiten vorhanden waren, und diesen neu Zugewanderten machten die Polen meistens begreiflicherweise mit Unrecht — den Vorwurf, daß sie ratifizierend wirkten, den polnischen Einfluß im eigenen Lande vernichteten. Vielleicht steckte übrigens hinter diesem Vorgehen ein geschickter Schachzug der russischen Machthaber, die einen Bevölkerungsteil gegen den anderen ausspielten, um Streit zu säen und desto sicherer herrschen zu können. Als dann die Polen von den Juden unbedingte politische -Gefolgschaft, ja Unterwerfung verlangten, und diese sich noch einen Rest von Selbständigkeit zu bewahren trachteten, kam es ZuM ossenLn Bruche und zu den Ausschreitungen der letzten Jahre»

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