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Im deutschen Reich · 1915-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1915) · p. 203

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
21 (1915)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1915)
Article
Deutschland und die Ostjudenfrage
Date
1915-10-01
Page
203 (sequence 9)
Language
German
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Deutschland .und die Ostjudenfrage. 203 so ausgeprägtem Heimatsgefühl immer wieder aufgescheucht und in die weite Weit getrieben wurde. Seiner ganzen Natur und Lebensau?fassung nach ist der Jude von konservativem Geiste, er liebt Schotte und Heimat, und die oft getadelte Rastlosigkeit, die natürlich leider auch sein geistiges Leben, seine Gedankenrichtung und Weltanschauung beeinflußt und oft beherrscht, ist lediglich das Ergebnis seiner traurigen Geschichte. Die anerkanntermaßen bei ihm stark ausgeprägten Familientriebe wären ebenso unverständlich wie wertlos ohne den Drang zur Seßhaftigkeit. Die Religion des Juden wie seine Vergangenheit sind Zeugen, für diese Tatsachen. Mit außerordentlicher Zähigkeit hängt er an den Erinnerungen aus seiner'Heimat, von der er längst vertrieben worden ist. Roch heute halten die Juden des Orients trotz ihrer Assimilation an die neue Umgebung in Sprache und Sitte an den Gütern fest, die sie vor vierhundert Jahren aus ihrer spanischen Heimat mit sich nahmen,, und das gesamte Ostjudentum, das im vierzehnten Jahrhundert, aus Deutschland vertrieben, in Polen freundlich ausgenommen wurde und eine neue Zuflucht fand, bildet bekanntlich noch immer inmitten der slawischen Umgebung eine Kulturgemeinschaft, die unverkennbar sich die deutsche Grundlage zu erhalten gewußt hat. Die Juden sind — mit Ausnahme vereinzelter Fälle in der Geschichte des Altertums — nur gewandert, wenn Unerträglicher Druck sie dazu zwang! Für unsere Zeit ist es sogar in Wahrheit erstaunlich, wie verhältnismäßig wenige aus dem russischen Elend geflüchtet sind. Wenn auch die Menge schlechthin der besonders nach Rordamerika ansgewanderten recht groß ist, so tritt man keinem Volke der Welt mit der Behauptung zunahe, daß nur eine Gemeinschaft von der ungeheuren Leidenskraft der jüdischen imstande war, in so großer Masse auf einem derart ungastlick^n Heimatboden auszuharren. Welch ungeheure Scharen hat doch Deutschland durch Auswanderung verloren! Man vergleiche nun ihre Fütte mit der Zahl der Ostjuden, die doch hunderttausendmal mehr Veranlassung hatten, ihrem Lande den Rücken zu kehren, und man wird vielleicht vor der Seßhaftigkeit und Heimatsliebe der auch in diesem Punkte verkannten den Hut ziehen. Wer von der Sehnsucht nach der alten Heimat weiß, die im fernen, freien Amerika die Herzen in ihrem Banne hält, wer die Menge derer kennt, die nach dem alten Lande, zu den alten lieben Stätten zurückwandern, ob ihrer dort auch Hunger und Elend harren, wird nicht mehr gedankenlos von dem heimatlosen Juden reden, der wandern muß, weil seine unstete Natur ihn treibt. Der polnische Jude liebt sein Land. Der Wohlhabende denkt nicht im Traume an Auswanderung,- und der Proletarier nur, wenn er hungert. Darum hat Deutschland es ganz in der Hand, ob ein Strom von elenden- .mittellosen Armen den Westen übev-

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