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Im deutschen Reich · 1915-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1915) · p. 202

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
21 (1915)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1915)
Article
Deutschland und die Ostjudenfrage
Date
1915-10-01
Page
202 (sequence 8)
Language
German
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202 Im deutschen Reich. Um dieses höheren Begriffes willen müßten wir Juden selbst die Unannehmlichkeiten und Schwierigkellen einer Übergangszeit, falls solche sich ergeben sollten, auf uns nehmen. Denn wenn sich auch für das deutsche Reich keine wirklichen Schäden aus ostjüdischer Einwanderung ergeben dürften, für uns Juden wäre es sicher der Fall, und der Berechtigung der in dieser Richtung geäußerten Befürchtungen kann man sich nicht verschließen. Fraglos würde der Judenhaß eine gewaltige Stärkung erfahren, wenn Menschen fremdartiger, wenn auch verwandter Kultur in erheblichen Mengen sich niederließen. Alle .Mißhelligkeiten und Verstimmungen, die erfahrungsgemäß bei jeder Einwanderung entstehen, würden sich in diesem Falle ausnahmslos in Antisemitismus umsetzen. Unendliche Ausgaben würden der deutschen Juden harren, bis dir ansässig werdenden Ostjuden in Sprache, Sitte und Bildung den deutschen Kulturanschauungen angepaßt wären. VLnb der Lohn für die viele Mühe dürfte vorerst nur Verdruß sein. Sollte wirklich eine stärkere Einwanderung einsetzen, so würden die ersten Jahrzehnte für die deutschen Juden Zeiten des Mißvergnügens bilden. Das wird sich kein klar denkender Mensch verhehlen können. lind schon aus diesem Grunde — neben vielen anderen — muß man wünschen, daß es nicht zu der befürchteten Einwanderung kommt, sondern daß die O st - juden auf dem Boden bleiben, der seit nunmehr fast sechs Jahrhunderten ihre Heimat geworden ist, daß ein Mittel gesunden wird, um ohne gewaltsame Zurückdrängung durch Ausnahmegesetze ihnen diese Möglichkeit zu gewähren. And es gibt einen solchen Weg, auf. dem man die ganze Ostjudensrage mit einem Schlage lösen kann, ohne daß irgendeine der erörterten Folgen eintritt. Er b este hll einfach darin, daß den Juden Polens in ihrem Lande volle Gleichberechtigung zuteil wird, daß sie dort von dem furchtbaren Druck erlöst werden, der jetzt auf ihnen lastet! Man hebe alle Bildungsbeschränkungen auf, man gebe ihnen politische Freiheit, man zerstöre das entsittlichende Bestechungswesen, das Kennzeichen der russischen Herrschaft geworden ist, man eröffne ihnen den freien Wettbewerb im eigenen Lande, man bringe den Ostjuden mit einem Worte die völlige Emanzipation, und das Wand erungsproblem ist nicht mehr vorhanden! Man mache sie mit einem Worte bodenständig! Schicksal der Iudenheit ist es geworden, daß ihre Teile seit zwei Jahrtausenden ruhelos in der Welt umherirren. Aber nach ihrem eigenen Willen war das nicht! Grundfalsch ist die Annahme, daß der Wandertrieb Kennzeichen der jüdischen Seele sei. Es ist im Gegenteil geradezu tragisch, daß eine Gemeinschaft mit

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