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Im deutschen Reich · 1915-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1915) · p. 201

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
21 (1915)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1915)
Article
Deutschland und die Ostjudenfrage
Date
1915-10-01
Page
201 (sequence 7)
Language
German
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Deutschland unb die Ostjuden frage. 201 opfern, täuschen sich ganz gewaltig, wenn sie von diesem: Zugeständnis Ruhe oder gar Frieden erwarten. Ls würde auf den Judenhaß nur belebend wirken. Bisher muß sich der Antisemitismus, in welcher Gestalt er auch auftritt, den Vorwurf des Rechtsbruchs oder der Umgehung von Gesetzen gefallen lassen. Hier hätte er aber plötzlich festen Boden und einen gesicherten Rückhalt gefunden, von dem aus er leicht fortschreiten könnte. Heute ging es gegen die polnischen Juden, morgen gegen die naturalisierten, übermorgen gegen alteingesessene deutsche Bürger. Heute ginge es um wirtschaftliche Fragen, morgen um politische Rechte und übermorgen um die Religionsfreiheit! Ein jedes Ausnahmegesetz ist ein Unglück, sowohl für den, gegen den es gerichtet ist, wie für den anderen, der es erläßt. Das würde auch hier zutreffen. Uns Juden würde es herabdrücken, uns verzagt und haltlos machen, das deutsche Volk aber würde es von dem Rechtsboden entfernen, dem es seine große innere Kraft verdankt. Die unermeßlichen Aussichten und die hoffnungsvollen Träume der Rassentheoretiker und sonstigen Antisemiten müssen durch energischen Widerstand von unserer Seite im Keime erstickt werden. Wir brauchen allerdings nicht zu fürchten, daß wir allein bleiben könnten. Weite Kreise unserer christlichen Mitbürger müssen ja für diesen Kampf volles Verständnis haben. Ist erst einmal der gefährliche Weg der Ausnahmegesetze beschritten, so ist keiner mehr sicher! Andere Konfessionen, bestimmte soziale Schichten sind ähnlichen Versuchen ausgesetztz und die deutlicheren Hinweise erübrigen sich an dieser Stelle, weil jeder weiß, um was es sich handelt. Man kann daher bestimmt hoffen, daß nach dem Abflauen der ersten Erregung, sobald man sich an das Reue der Verhältnisse gewöhnt haben wird, auch bei allen christlichen Volksgenossen, die nicht rettungslos dem Rassenwahn verfallen sind, eine ruhigere Beurteilung und eine tiefere Erfassung der Fragen Platz greisen wird und daß auch sie vor dem Fluch jeder reaktionären Ausnahmegesetzgebung zurückschrecken. Diese Forderung erheben wir selbst auf die Gefahr hin, eines „doktrinären", politischen Liberalismus geziehen zu werden. Sie hat aber mit der Politik und ihren Parteien nichts zu tun. Unb insbesondere nach reiflichem Rachdenken in der ganzen deutschen Iudenheit, mag sie religiös oder national sein, mag sie orthodox, liberal oder zionistisch sich nennen, mag sie in staatsbürgerlichen Fragen konservativ, liberal oder demokratisch denken, die einmütige Erkenntnis zur Herrschaft gelangen, daß die größere Gefahr das Ausnahmegesetz ist. Hier handelt es sich nicht um Zweckmaßigkeitsfragen, die man in Kurzsichtigkeit von der .Warte des Alltags aus entscheiden kann, hier geht es um Höheres und Größeres, um unsere ganze Zukunft, um das Recht!

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