Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1915)
- Article
- Deutschland und die Ostjudenfrage
- Date
- 1915-10-01
- Page
- 199 (sequence 5)
- Language
- German
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Deutschland und die Ostjudenftäge. 199 er für schwer bedroht hält, sobald ihre Glaubensgenossen aus dem Osten Hereinströmen. Ihre politische und gesellschaftliche Gleichstellung käme in Gefahr, der Antisemitismus würde ungeheuerlich zunehmen und sich nicht nur gegen die fremden Juden wenden, sondern in ungeahnter Stärke auch gegen die alteingesessenen wüten. Die Ghettoluft, die aufs neue der einheimischen Iudenheit zugesührt würde, müßte ihre Lage in einen gefahrdrohenden Zustand gelangen lassen, und „die Lösung der mächtiger als je auslodernden Iudenfrage im antisemitischen Sinne durch Aushebung der Gleichberechtigung (!) wäre nicht mehr zu vermeiden". Er versteigt sich aber zu dieser Drohung nicht allein auf Grund eigener Meinungen. Denn er vermag auch Beweisstellen aus den Veröffentlichungen von Juden anzuführen, die dem Grenzschluß das Wort reden. Besonders klar und kräftig hat sich ja der Zionist TheilHaber in einem Sondersalle gegen die Einwanderung jüdischer Bergarbeiter nach Oberschlesien ausgesprochen, und den Aeußerungen von Vlach oder Max Markuse, die Fritz beibringt, ließen sich bequem ein Dutzend andere anfügen. Die Erfahrungen der jüdischen Geschichte lassen es nicht als ungerechtfertigt erscheinen, wenn wir so rührender Fürsorge um unser Wohlergehen einiges Mißtrauen entgegenbringen. Wenn ein Vertreter der schroff judenfeindlichen Rassentheorie sich plötzlich um unsere politische und gesellschaftlicheStellung so sehr bekümmert zeigt, dürfte wohl etwas ganz anderes dahinter stecken. Wir haben allen Grund, das Für und Wider der Einwanderungsfrage sehr kühl und sehr vorsichtig zu untersuchen; wir dürfen uns weder durch unverblümte Drohungen mit der Aufhebung der Gleichberechtigung einschüchtern noch durch dialektische Gedankensprünge, selbst wenn sie noch so viel Sorge um uns verraten, blenden lassen. Ohne Furcht und ohne jede Rücksicht auf vorübergehende Unannehmlichkeiten wollen wir der Gefahr ins Auge sehen, und unsere Entschlüsse und Forderungen von nichts abhängig sein lassen, als von dem wirklichen Interesse unseres deutschen Vaterlandes, das mit dem seiner jüdischen Bürger sich deckt. Das sei besonders darum so stark betont, weil das Endergebnis unserer Betrachtungen, das vorweggenommen sei, den Wünschen der Rassentheoretiker schnurstracks entgegengesetzt ist. Die gesamte deutsche Judenheit muß im Hinblick auf ihr eigenes Wohl wie das des deutschen Rechtsstaates sich einmütig und scharf gegen jede wie immer geartete Ausnahmegesetzgebung aussprechenl Der Kampf gegen solche Bestrebungen ist eine Lebensfrage. Besonnenheit und ruhige Reberlegung muß vornehmlich einem nicht unbeträchtlichen Teile unserer Glaubensgenossen sehr aus Hertz gelegt werden. Auch unter ihnen haben