Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1915-08-01 · Heft 8-9 (August 1915) · p. 155

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
21 (1915)
Issue
Heft 8-9 (August 1915)
Article
Henriette Goldschmidt
Date
1915-08-01
Page
155 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2316602-2316851-2316855-2349915--25569-2350030
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Henriette Goldschmidt. 155 nach Posen herbchführte. Hier reichte sie 1853 ihrem Vetter, dem Prediger der deutschen israelitischen Gemeinde in Warschau, Dt. Goldschmidt, die Hand Zum Lebensbunde, der in ihr seinen drei verwaisten Knaben die fürsorglichste, pflichttreueste Mutter zuführte. Obgleich die Gatten in Warschau die höchste Verehrung genossen, Dr. Goldschmidt den segensreichsten Einfluß auf die Gemeinde ausübte, beseelte sie der brennende Wunsch, nach Deutschland zürückzukeyren, ihre Söhne zu Deutschen Bürgern erziehen Zn können. 1858 folgte Dr. Göldschmidt einem Rufe als Rabbiner nach Leipzig. Hier burfteu sie teilnehmen an dem reichen geistigen und künstlerischen Leben; Theater, Musik, die Universität, boten ihrem ■ regen Geist vielfache Anregungen, wahrend ihr Haus eine Stätte edelster Geselligkeit wurde. i Schon in Warschau und nunmehr in der neuen Heimat hatte Frau Goldschmidt sich, wenn auch nur in der Stille, humanitären Bestrebungen zugewendet; die Gründung des „Allgemeinen Deutschen. Frauenvereins" führte sie 1865 in die Oeffentlichkeit. Ihr Talent auf dem Gebiete der Propaganda 'und eine zu jener Zeit bei Frauen noch sehr seltene Rednergabe wandten ihr bald die Aufmerffam^it der Führerinnen der neuen Bewegung zu, so daß sie schon 1867 in den Vorstand des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins gewählt wurde. Bei fast allen Frauentagen trugen ihre rneister- und musterhaften Reden wesentlich dazu bei, der neuen Bewegung zahlreiche Anhängerinnen zu gewinnen. Von bedeutenden Frauen- und Männervereinen berufen, hat sie in zahlreichen deutschen Großstädten Vorträge gehalten, so in Leipzig im Kriegswinter 1870/71 über „Die Stellung der Frau bei den alten Kulturvölkern". Von der Wichtigkeit der verantwortlichen Stellung der Mutiter nicht nur innerhalb der Familie, sondern dem ganzen Volke gegenüber durchdrungen, hatte Frau Goldschmidt sich seit Jahren mit hohem Eifer in die Lehre Friedrich Fröbels' vertieft. Sein Wahlspruch, „Der Erziehungsberuf ist der 'Kulturberuf der Frau", war der ihre geworden, und die tatkräftige Frau war fortan auf eine gründliche Erziehung des weiblichen Geschlechts zur Mütterlichkeit bedacht. Nachdem sie als erste Frau in Deutschland in öffentlichen Vorträgen zunächst bei ihren Mitschwestern einigermaßen Verständnis für die sie beseelenden Ideen geweckt hatte, üief sie zu Ende 'des Jahres 1871 in Verbindung mit gleichgesinnten Männern und Frauen den „Verein für Familien- und Volkserziehung" in Leipzigr ins Leben, der sich aus bescheidenen Anfängen zu stattlicher Höhe entwickelt hat und bis zur Stunde unter dem Vorsitz der edlen Gründerin blüht. Schon damals lebte in ihrem schöpferischen Geiste der Plan, das weibliche Geschlecht vom Kindergarten bis zur Hochschule zu erziehen, der allerdings erst allmählich zur Ausführung gelangen ckonnte. Vorerst wurden Volkskindergärteu und ein Seminar für Kindergärtnerinnen errichtet, an dem Frau Goldschmidt bis vor wenigen Jahren den pädagogischen Unterricht erteilte. Nachdem sie durch einen Vortrag die Anregung zur Gründung einer städtischen Fortbildungsschule für Mädchen gegeben hatte, be^riinbete sie 1878 das Lyzeum für erwachsene Mädchen, die erste Anstalt in Deutschland, welche die Schülerinnen nicht für den Erwerb erziehen, sondern durch Fröbels Lehren für ihren späteren Beruf als Mutter und Erzieherin vorbereiten sollte. Auch an dieser Anstalt erteilte Frau Goldschmidt bis vor kurzer Zeit den Unterricht in Fröbels Erziehuugslehre. "Daneben entfaltete sie eine lebhafte literarische Wirksamkeit. 1882 erschien iw Bstchform eine größere Arbeit: „Ideen über weibliche Erziehung im Zusammenhänge mit dem System Friedrich Frhbels"^ mehrere ihrer Vorträge sind im Druck erschienen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.