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Im deutschen Reich · 1915-08-01 · Heft 8-9 (August 1915) · p. 154

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
21 (1915)
Issue
Heft 8-9 (August 1915)
Article
Henriette Goldschmidt
Date
1915-08-01
Page
154 (sequence 1)
Language
German
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154 Am deutschen. Neich. genriette Goldschmidt.' Zn ihrem 90. Geburtstage am 23. November 1915 von R egi n a N eißer - Breslau. Eine selten gewährte Gunst des Schicksals, wie sie nur Wenigen zuteil wird, ruht auf der Patriarchin der deutschen Frauenbewegung, der letzten jener alteren Generation, die vor einem halben Jahrhundert deren Siege-^zug von Leipzig aus vordereiten half. Frau Or. H e n r i e t t e G o l d s ch m i d t ist es vergönnt, in voller geistiger und körperlicher Rüstigkeit unter der wärmsten Anteilnahme der Zeitgenossen, insbesondere der deutschen Judenheit, ihren 90. Geburtstag zu begehen. Auch in dieser Zeit des furchtbaren Weltkrieges blicken wir in dankbarer Verehrung auf die verdienstvolle Frau, die in fünfzigjähriger, segensvoller Friedensarbeit zu einer Führerin der Nation in einer wichtigen Frage geworden ist. Eine Persönlichkeit von hohen geistigen und seelischen Vorzügen, eine der treuesten Wächterinnen an dem Altar, den die deutsche Frauenbewegung einst der erweiterten Frauenbildung errichtete, hat Frau Goldschmidt ihr Leben und Wirken in den Dienst der Humanität gestellt und gemeinnützige Schöpfungen zum Segen ihres^Geschlechts und somit der gesamten Menschheit geschaffen, die eine ungeahnte Ausdehnung gewonnen haben und deren Ausbau der Greisin zum unversiegbaren Jungbrunnen geworden ist. Diese Frau kannte von früh.auf kein höheres Streben, als zur Lösung einer der wichtigsten Kulturfragen beizutragen, nämlich dem werblichen Geschlecht höhere Bildungswege zu eröffnen. Ihre Wirksamkeit ist nicht nur für Leipzig, wo sie seit länger als einem halben Jahrhundert lebt, von höchster Bedeutung — als zweite Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, als eine der Berü'fensten auf dem Gebiete der Erziehung des weiblichen Geschlechts, als Rednerin und Schriftstellerin nimmt sie eine überaus weit umfassende Stellung ein. Ebenso energisch wie zielbewußt hat sie ihr Leben hindurch an der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit gearbeitet und ihre höchste Aufgabe darin -erblickt, ihre Kraft im Dienste 'der Menschheit zu verwerten, namentlich für 'die Heranbildung guter Mütter und somit für die sittliche Erstarkung der Nation zu sorgen. Tradition, Erziehung und nicht zuletzt Heirat zeitigten eine wundervolle harmonische Verschmelzung von Deutschtum und Judentum. Henriette wurde am 23. November 1825 als die Tochter des angesehenen Großkaufmanns Benas in Krotoschin geboren. Die Familie ihres Vaters zeichnete sich durch hohes Bildungsstreben und die Pflege geistiger Interessen aus. Ihr Vater hatte sich durch ausgedehnte Reisen eine ungewöhnliche Weltbildung ange eignet. Seine vier geistig reichbegabten Kinder empfingen daher durch, ihn im Elternhause nicht alltägliche Anregungen. Henriette besuchte mit ihrer jüngeren Schwester Ulrike,, der späteren hochöedeutenden Begründerin der Viktoria-Fortbildnugsschnle in Berlin, die Elementar-, später Die Töchterschule ihrer Vaterstadt. Nach beendigter Schulzeit wurde die Vesckäftignng mit dem Französischen und der deutschen Literatur eifrig fortgesetzt, und vornehmlich an Lessing, Kant, Schiller und Goethe erwarben sie sich ihre geistige Ausbildung. Von ihrem Vater hatten sie auch die Begeisterung für das deutsche Vaterland und lebhaftes Interesse für Politik geerbt. Trotz ihres Lebens in einer kleinen Stadt fühlten sie den Flügelschlag der Zeit, der sich vor den Stürmen des Jahres 1848 bemerkbar machte. Henriette brachte den damals die Geister erregenden politische!: Ideen" Interesse und Verständnis entgegen. Auf den begeisterten Aufschwung folgte nur zu bald die Reaktion in Preußen, welche die Übersiedlung der Familie

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