Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 5-7 (Mai 1915)
- Article
- Juden als Träger deutscher Kultur im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1915-05-01
- Page
- 123 (sequence 14)
- Language
- German
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Juden als Träger deutscher Kultur im 19. Jahrhundert. 123 kratisierung Deutschlands und der Entwicklung speziell der Sozialdemokratie ungeheuer förderlich war. Freilich, wer freiheitliche Entwicklung, Ausprägung des Volksempsindens, Regierungsakte, die diesen Forderungen gerecht werden, als Zustand der Dekomposition statt als Beitrag zur Förderung der Größe und des Bestandes einer Nation empfindet, der mag auch jenen andern großen Staatsmann jüdischer Abkunft unter die Dekomponierenden rechnen: Eduard Laster, der 1874 mit Fug und Rechr als „der Führer der liberalen Partei" in Deutschland angesehen wurde. Damals hatte er kurz zuvor im preußischen Abgeordnetenhause mutig den Finger in die schwärende Wunde gelegt, an der das deutsche Vaterland infolge des Gründungstaumels erkrankt war. Er hat dadurch einen Reinigungs- und Gesundungsprozeß eingeleitet, der wie jede Reinigung und Gesundung nur aus Kosten der Beseitigung, der Vernichtung unlauterer und selbstsüchtiger Elemente eintreteu konnte. Er hat es ohne Rücksicht auf Freund und Feind getan und stand makellos da und unberührt von den vielen Anwürsen, die man gegen ihn schleuderte. Er scheiterte erst, als er gleichsam seine Mission, zu der er sich berufen glaubte, scheitern sah, wie die Frankfurter Zeitung vom 7. Januar 1887, also zwei Tage nach seinem Tode schrieb: Mit dem Scheitern der Mission, zu der er sich berufen glaubte, der Mission, den Reichskanzler (Bismarck) für die liberale Sache zu gewinnen und damit unsere Entwicklung in freiheitliche Bahnen zu lenken, war er selbst ein Schiffbrüchiger geworden. Im Jahre 1874 würde, wenn damals sein Tod eingetreten wäre, die deutsche Nation am Sarge Eduard Lasters mit Lebhaftigkeit die. Frage erwogen und erörtert haben, welche Wirkung aus die Entwicklung unserer Zustände und auf die Gestaltung der Parteiverhültnisse das Hinscheiden dieses Mannes ausüben werde. So gewaltig stand damals diese Persönlichkeit, neben dem Riesen, der seine Illusionen zerstörte und begrub. Es war ein Tod der Ideen, die ja bekanntlich stets wieder ihre Auferstehung feiern. Der Freiheit in Deutschland eine Gasse zu bahnen und damit Deutschland als Kulturzentrum, als das Herz der europäischen Staatengruppe pulsieren zu lassen, das war das Bestreben aller dieser deutschen Juden, die wir bisher aus der Masse der Gleichgesinnten auf literarischen und politischen Gebieten hervortreten ließen. Wir könnten ihnen noch viele Bahnbrecher auf philosophischem Gebiete anreihen. Aus den noch unter uns lebenden Begründer des Neukantianismus, auf Hermann Cohen, müssen wir noch Hinweisen. Die Beobachtung der geschichtlich entstandenen geistigen Erzeugnisse der verschiedenen Völker, wie die Sprache, die religiösen und mythologischen Vorstellungen, die Sitten, ihre Un-