Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 5-7 (Mai 1915)
- Article
- Juden als Träger deutscher Kultur im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1915-05-01
- Page
- 118 (sequence 9)
- Language
- German
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118 Im deutschen Reich. bett Vordergrund. So entstanden in den Jahrzehnten nach 1840 alle jene glänzenden, oft freilich auch nur blendenden kurzen Flugschriften von überwiegend satirischem Charakter, deren das „Junge Deutschland" nicht fähig gewesen wäre, vor allem aber das echte Kind der Revolutionszeit, „Der Kladderadatsch", das Witzblatt, das begründet und geleitet, von dem witzigen Humoristen und Possendichter David Ka lisch und dem liebenswürdig heitern Dichter Rudolf Löwen stein jahrzehntelang das unbestritten beste Witzblatt nicht nur Deutschlands, sondern der Welt war. Löwenstein hatte seine journalistische Laufbahn 1846 mit dem von ihm herausgegebenen „Kindergarten" eröffnet, einer Sammlung der reizendsten Kinderlieder, welche sich bald Aufnahme in alle deutschen Lesebücher verschafften. 1848, im ,,tollen Jahr", begründete er mit Kausch den Kladderadatsch, der 1849 zunächst von der Zensur verboten wurde. Die Luft war mit Elektrizität gesättigt. Ueberall blitzte es, und für den etwas übergründlichen Geist der Deutschen war diese Gewitterluft heilsam. Nun entwickelte sich rasch eine Beredsamkeit großen Stils. „Wie stolz wäre jede andere Nation auf die Reden der Paulskirche", sagt R. M. Meyer. „Wir sind maßlos ungerecht gegen den alten Liberalismus; wir vergessen, wie oft auch Bismarcks größte Leistungen doch nur „die -Tat zu ihren Gedanken" waren, zu den Ideen jener „Professoren und Journalisten" von 1848 und 1850. Ohne Paulskirche besäßen wir weder das Deutsche Reich noch seine Verfassung, das haben selbst strenge Juristen wie Binding hervorgehoben. Und was die Form angeht, so sind jene Reden vielleicht überhaupt das Bedeutendste, was dieser Zeitraum literarisch hervorgebracht hat." Dürfen wir Juden stolz sein angesichts dieser Behauptung? Wir dürfen es, doppelt und dreifach: denn kein anderer als H. v. Treitschke erklärt die Kaiserrede, die Gabriel Rieß er am 21. März 1849 gehalten hat, für die großartigste Leistung unter allen Reden, die in dieser Versammlung gehalten worden sind. Sollen wir an dieser Stelle des längeren erörtern, was der Vizepräsident des Frankfurter Parlaments für Deutschlands Freiheit empfunden, wie er für sie gekämpft und gestritten? Weil er ein Deutscher sein wollte und sein Vaterland groß und frei sehen wollte, als ein wahrhaft humanes Land, das jeden recht und edeldenkenden Bürger als Bür g ed behandelt, jeden schlechten, weil er schlecht ist, bestraft, darum verband er mit feinem Kampfe für Deutschlands Freiheit den Kampf für die Emanzipation seiner Glaubensgenossen. „Wer mit dem deutlichsten Bewußtsein an eine gute Sache sein Leben setzt, ist der darum zu tadeln, weil er mit der guten Sache sein Leben zugleich" verteidigt?" „Die Partei der Freiheit erkannte bald", so schrieb der „Freischütz" in seinem Rießers Wirken