Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 5-7 (Mai 1915)
- Article
- Juden als Träger deutscher Kultur im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1915-05-01
- Page
- 115 (sequence 6)
- Language
- German
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Juden als Träger deutscher Kultur im 19. Jahrhundert. 115 diesem einzigartigen Genius herausfühlre, und so urit Notwendigkeit von der Nüchternheit der nocki ünmer Berlin beherrschenden Aufklärung -abgestoßen, sich! int Gegensatz zu ihr zusammenfand/' Ja, Nüchternheit, das ist das bezeichnendste Urteil, das man über die Zustände in Preußens Hauptstadt, von den Provinzstädten ganz zu schweigen, zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts fällen konnte. „Das Gros der Mittelmäßigen ergötzte sich an den Ritter- und Räuberromanen eines' .Spieß, Bulpius und Cramer, oder an Langbeins plumpen und glatten Nachbildungen von Boccaeios Novellen, an den zwischen moralisierender Tendenz und ^unmoralischer Rührseligkeit hin und her schwankenden, aber immer den Geschmack der breiten Masse treffenden Stücken von Kotzebue oder an den zwar sehrehrenwerten und anheimelnden, aber nirgends genialen und oft recht prosaischen Dichtungen eines Voß und Claudius, eines! Schröder und Jffland. Niemand hielt es für einen Raub, sie alle gelegentlich wie ihresgleichen neben oder gar über Schiller und Goethe zu stellen. Im günstigsten Falle galt das Wort Zelters: „Schiller wird geachtet, aber Kotzebue gelesen, genossen, wiederholt." Ist es angesichts solcher Zustände und nun mit Rückblick auf den von uns geschilderten, von Mendelssohn und seinem Kreise, einem Markus Herz und anderen, ausgegangenen philosophischen, und von den Salons verbreiteten literarischen Einfluß eine Ueb'ertreibung, wenn wir vollauf die Worte von Grätz unterschreiben: „Deutsche Juden haben sich aber nicht bloß durch Mendelssohns Einfluß in raschem Fluge zur Höhe der Kultur hinaufgeschwungen, sondern auch Unverkennbar die Verbreitung und Verallgemeinerung des gebildeten Bewußtseins in christlichen Kreisen gefördert. Geistvolle Juden und Jüdinnen haben zunächst in Berlin 'jenen gebildeten Weltton geschaffen, der die Eigentümlichkeit dieser Hauptstadt geworden ist und von hier aus anregend auf das übrige Deutschland eingewirkt hat. Juden und Jüdinnen haben zuerst hier einen Salon für geistvolle Unterhaltung begründet, in welchem die Elemente des höheren Denkens, des Geschmacks, der Poesie und der Kritik in anmutiger und leichter Form untereinander gemischt, verarbeitet, geklärt und für Menschen verschiedenen Berufs zugänglich gemacht wurden." Wir können auf den Beginn des neunzehnten Jahrhunderts Hinblicken und zusammenfassend sagen: Juden und Jüdinnen stellen in dieser Zeit in Deutschland auch auf geistigem Gebiet jene eigentümliche Verbindung her, die zwischen Adel und Bauer oder guch Adel und Bürger sie in so manchem Lande von jeher berufen waren. Eine wirtlich führende Stellung sowohl auf politischem wie auf künstlerischem Gebiete kam ihnen zu Beginn des zweiten