Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 5-7 (Mai 1915)
- Article
- Juden als Träger deutscher Kultur im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1915-05-01
- Page
- 114 (sequence 5)
- Language
- German
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114 Im deutschen Reich!. .neben einer Bettina von Arnim", schreibt Ziegler^), „die dem Jungen Deutschland in den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts den Glauben an Goethe, den Börne und Menzel iffrteit zunächst gestört hatten, wieder zurückgab." „Rahei, die solange „still und bewegt" im Mittelpunkt des geistreichen Berlin gestanden hatte und deren Nachlaß nun ein Jahr nach ihrem Tode (1834) ihr Gatte Barnhagen von Ense zum Andenken für ihre Freunde herausgab, lehrte diese pietätlose Jugend, daß man sehr kritisch sein und sich nach aller Art Freiheit sehnen, und daneben doch zu Goethe, dem Dichter und dem Menschen, emporsehen könne, und daß man zu ihm emporsehen müsse, 'wenn man die Poesie festhalten und noch mehr, wenn man sich ZU schöner Individualität emporbilden wolle." Nicht minder einflußreich ans den literarischen Geschmack und die allgemeine .Bildung waren ihre geistreichen Freundinnen D o r o thea M e nbelssohü und Henriette Herz. Dorothea galt für die Seele aller Werke Friedrichs von Schlegel; sie brachte erst Licht kn das Chaos seines Innern; sie erst weckte in ihm Großes'und Bedeutungsvolles; er war, wie Helmina v. Chezy sich -au.sdrückt, gewissermaßen ihre Schöpfung. — Und Henriette Herz? Der Umgang mit der schönen und begabten Henriette Herz war eine Zeitlang nächst dem Hoskreise das, was am meisten in Berlin gesucht wurde. Künstler bewunderten sie als vollendete Schönheit, und geistreiche Männer staunten über die Klugheit/ die in dieser schönen Seele eingeschlossen war. Ihr Haus wurde ein Sammelpunkt der auserwählten Gesellschaft Berlins und ausgezeichnete Fremde in hoher staatlicher Stellung haschten .nach der Ehre, in dasselbe eingeführt zu werden. „Rahel Levin, Henriette Herz und ähnliche Frauen beherrschten", schreibt. Scherer, „die Geselligkeit von Berlin und Jena, den Sammelpunkten der jungen Literatur. In ihrem Kreise bewegten sich die Gelehrten und Dichter, die, um zwanzig bis dreißig Jahre jünger als Goethe, von vornherein unter seinem Einfluß standen und ans ihm sortbauren." Aber noch interessanter als dies allgemeine Urteil eines bedeutenden Literarhistorikers .ist die Aeußerung Zieglers, daß der Manu, der gleichsam als der Bater der modernen protestantischen Theologie angesehen wirch daß Schleiermacher erst in diesen Kreisen seine Bildung Vollender habe: „Jü Schlobitten", schreibt Ziegler, „im Hause des Grasen Dohna hat er die Welt vornehmer Geselligkeit und seiner Herzensbildung kennen gelernt; in Berlin kam dann die welrläufige Bildung des Kreises hinzu, der unter dem Bortrnr jüdischer Frauen — einer Henrietre Herz und Dorothea Bein geborene Mendelssohn — zu Goethe empor sah und mit feinen! Instinkt das auch über die Poesie hinausgreifende Neue in *) Th. Ziegler: Die geistigen mrd sozialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts.